Von "München" trennen uns zwei Jahrzehnte und viele Erfahrungen / Von Theo Sommer

Ein Schlagwort geistert durch die westliche Welt; das Schlagwort München. Der Name der bayrischen Hauptstadt, in der vor zwanzig Jahren die Ministerpräsidenten Englands und Frankreichs ihre Unterschriften unter das von Hitler ausgefertigte (und von Mussolini gebilligte) Todesurteil für die Tschechoslowakei setzten, ist zum Inbegriff von Schimpf und Schande geworden, zum Sinnbild jenes naiv-schwächlichen Nachgebens, das in den Geschichtsbüchern seitdem auch als appeasement, als feige Beschwichtigung, etikettiert wird.

Kein München im Mittleren Osten! Kein München in Ostasien! Keine Beschwichtigung eroberungslüsterner Gewaltherrscher! Solche Warnrufe gab es viele in den Krisenmonaten dieses Sommers. Amerikas Außenminister Dulles wurde nicht müde, sie immer wieder auszustoßen. Und in seiner Fernsehrede an das amerikanische Volk und an die Welt hat Präsident Eisenhower, als er über die Quemoy-Krise sprach, diese Warnrufe aufgegriffen:

"Wiederum steht die Welt dem Problem der bewaffneten Aggression gegenüber. Mächtige Diktaturen greifen ein exponiertes, aber freies Gebiet an. Was sollen wir tun? Sollten wir der Drohung weichen und uns auf den Standpunkt stellen, es sei besser, einzelne Stücke freien Territoriums in der Hoffnung aufzugeben, daß dies den Appetit des Angreifers stillen und, uns den Frieden bringen werde? Ist es uns nicht mehr gewärtig, daß der Name München den eitlen Wahn symbolisiert, man könne Diktatoren beschwichtigen? Damals wurde die Politik der Beschwichtigung erprobt, aber der Versuch schlug fehl."

Damals und heute... Der Präsident hat mit seinen Worten eine historische Parallele zwischen 1958 und 1938 zu ziehen versucht. Er hat aus der Vergangenheit der dreißiger Jahre eine Formel destilliert, mit der er nun den komplexen Problemen der Gegenwart beizukommen trachtet: Kein zweites München.

Was war München wirklich?

Historische Parallelen pflegen häufig schief zu sein, und die Anwendung toter Formeln auf lebendige Entwicklungsprozesse ist immer ein fragwürdiges Unterfangen. Was bedeutete München eigentlich? Was ist appeasement?