Entschlossen, den täglichen Strom bedruckten Papiers in meine Wohnung einzudämmen, auferzog ich kürzlich meine Zeitungsliste einer gründlichen Revision. Zu den Opfern der Abbestellungen gehörte auch ein weitverbreitetes amerikanisches Nachrichtenmagazin, das ich mehrere Jahre lang im Abonnement bezogen hatte. Als ich seinerzeit die Bestellung aufgab, erhielt ich einen freundlichen Brief von dem Werbechef des Unternehmens, der mir von der regelmäßigen Lektüre seines Blattes eine beträchtliche Erweiterung meines Horizonts und das schnelle Emporwachsen meiner Persönlichkeit über meine jener Lektüre nicht teilhaftige Umwelt versprach.

In dem Irrglauben, mein Horizont bedürfe nun leiner wöchentlich zunehmenden Erweiterung mehr und meine Persönlichkeit überrage ihre Umgebung bereits um einen kaum mehr, zumutbaren Abstand, bestellte ich die Zeitschrift kurzerhand ab. Die Folgen waren erschreckend. Während andere, weit minder auflagenstarke Blätter meine Abbestellung wortlos und ohne Murren hinrahmen, schien das amerikanische Verlagsimperium wie vom Donnerschlag gerührt. Erschrocken, befremdet, völlig verstört fragte Mr. David B., der mich vor Jahren so warmherzig begrüßt hatte, was in aller Welt mich zu diesem Schritt veranlaßt habe. Niemals zuvor, schien es, hatte jemand das Blatt freiwillig abbestellt, auch nicht unter dem Druck mißlichster Verhältnisse. Das jihe Abbrechen regelmäßiger Information würde, prophezeite Mr. B., verheerende Folgen haben; mein Horizont würde rapide schrumpfen, ohne jede geistige Nahrung würde ich hinvegetieren, in angeregter Geselligkeit stumm und unwissend beiseite sitzen müssen. Ob ich das alles wohl überlegt habe? Ich solle, beschwor mich Mr. B., meinen fatalen Entschluß doch nochmals reiflich überlegen. Indessen würde mir das Blatt zum üblichen Abonnementspreis weitergeliefert werden.

Mr. B.’s Sorge rührte mich. Mein unüberlegter Schritt kostete ihn nicht nur einen Abonnenten, nein, wie ein unfolgsames Kind war ich aus der Lesergemeinde des angesehenen Blattes jäh und grundlos ausgebrochen.

Unsinn, sagte ich mir, wer wird denn die raffinierte Werbung eines Millionenkonzerns so wörtlich nehmen? Schreiben wie diese stapeln sich in Mr. B.’s Büro in allen Weltsprachen, mit maschinell vervielfältigtem Namenszug darunter – ein bewährter amerikanischer Trick, den Konsumenten persönlich anzusprechen. So warf ich Mr. B.’s väterliche Worte ebenso in den Papierkorb wie die nüchternen Geschäftsschreiben, die man hierzulande verfaßt. Auch die zwei späteren Briefe, die schon einen unverkennbaren Unterton verständnisloser Trauer hatten, teilten das gleiche Los. Endlich stellte auch die Zeitschrift ihr Erscheinen in meinem Briefkasten ein.

Ich glaubte schon, der Konzern habe meinen Verlust endgültig verschmerzt, als ich nach Wochen abermals einen Brief von Mr. B. erhielt. So lange Zeit hätte ich nun ohne das angesehene Blatt verbracht, schrieb er, und er frage sich, wie ich diese Wochen wohl überstanden hätte. Dinge gingen um mich vor, von denen ich nichts wahrnähme, Erfindungen, Umwälzungen, von denen keine Kunde zu mir dringe, ehrlich gefragt: sei das Leben ohne das angesehene Blatt nun wirklich schöner, reicher, lebenswerter?

Ich stutzte. Tatsächlich, wie hatte ich diese Wochen eigentlich existieren können? Was war mir alles entgangen! Hatte Mr. B. nicht recht: konnte ein anständiger, mitfühlender, lebensoffener Mensch sich so viel wohlgemeinter Fürsorge entziehen, ohne als Banause dazustehn? Was in aller Welt hatte mich bewogen, mir diesen Lebensquell leichtfertig zu verstopfen?

Ich ging in mich, kapitulierte und erneuerte, beschämt, mein Abonnement zu der Vorzugsrate, die Mr. B. mir großherzig noch immer bot. Nun bin ich wieder im sicheren Gehege der millionengroßen Lesergemeinde des angesehenen Blattes, und nichts kann die Entfaltung meiner Persönlichkeit aufhalten. S. L.