J. K,, Paris, Anfang Oktober

Von der Absatzflaute, die sich in Frankreich seit Juli auf zahlreiche Branchen ausgebreitet hat, ist auch die Stahlindustrie nicht verschont geblieben. Da letztere jedoch über ein komfortables Auftragspolster verfügt, konnten bisher Produktionseinschränkungen und Arbeiterentlassungen vermieden werden. Die Lagegibt indessen zu gewissen Besorgnissen Anlaß. Die Kurve des Auftragseingangs geht seit einigen Monaten abwärts, diejenige der Produktion fast ungebrochen aufwärts. Es ist klar, daß bei anhaltendem Auseinandergehen dieser beiden Kurven ein Gleichgewichtsbruch in Bälde eintreten muß. Die Stahlindustrie hofft ihn zu vermeiden, weil

1. die gegenwärtige Zurückhaltung der Stahlverbraucher, neue Aufträge zu vergeben, größtenteils auf die Absicht, überhöhte Lager zu räumen, zurückzuführen ist; dieser Lagerräumungsprozeß wohl etwas länger als allgemein angenommen dauern kann, aber dann einer gesünderen Marktposition Platz machen wird;

2. das Exportgeschäft, insbesondere der Export in Drittländer, seit Juli wieder lebhafter geworden ist und so den gesamten Auftragseingang auf einem relativ hohen Niveau gehalten hat. Insbesondere die Oststaaten sowie Rotchina haben während der Sommermonate bedeutende Aufträge vergeben. Außerdem hat die günstige französische Preislage für die meisten Sorten weiterhin erhebliche Exporte in die übrigen Länder der Montan-Union erlaubt, während gleichzeitig aus dem gleichen Grund – niedrigere französische Preise – die Einfuhren aus den Unionsländern zurückgegangen sind;

3. die bis letzte Woche beobachtete Zurückhaltung der Kunden oft mit der Absicht zu erklären ist, die politische Entwicklung abzuwarten;

4. der Lohn- und Preisdruck leicht nachgelassen hat, eine Erhöhung der französischen Kohlepreise in diesem Herbst nicht mehr zu befürchten ist, und aus diesen Gründen die Wettbewerbsfähigkeit der französischen Stahlindustrie bis auf weiteres ziemlich günstig zu bleiben verspricht;

5. der Stabilisierung der politischen Verhältnisse in Frankreich eine wirtschaftliche Erstarkung folgen dürfte – ein Optimismus, der allerdings leicht getrübt wird durch die Perspektiven der Inkraftsetzung des Gemeinsamen Marktes und einer Europäischen Freihandelszone am 1. Januar 1959, indem die Stahlindustrie befürchtet, daß etwaige Störungen in der französischen Gesamtwirtschaft zwangsläufig sich auch auf die Stahlindustrie auswirken würden.