Von Otto F. Beer

Seit Fritz von Herzmanovsky-Orlando auf einem alten Schloß oberhalb Merans hochbetagt und so gut wie unbeachtet gestorben ist, steht seinem Ruhme nichts mehr im Wege. Mit einem Male erkennt die deutschsprachige Welt, welch origineller Geist, welch messerscharfer Satiriker mit ihm dahingegangen ist. "Kaiser Josef und die Bahnwärterstochter" fand endlich auf die Bretter, und der seit den zwanziger Jahren verschollene "Gaulschreck im Rosennetz", Herzmanovskys Meisterwerk, kam im vergangenen Jahr als erster Band einer Ausgabe seiner Werke heraus.

Der Ruf des unerkannt Verstorbenen ist nun so weit erschollen, daß man für eine gewisse Art von skurril-überspitztem Humor das Adjektiv "herzmanovskysch" prägt. Für den alten Herrn von Schloß Rametz kommt dies alles ein wenig spät. Doch sind wir es ja gewohnt, daß viele Verleger nicht die Bücher drucken, die von Autoren ausgeheckt werden, sondern daß sie Pläne aufstellen, welche Bücher in den nächsten zehn Jahren geschrieben zu werden haben. Sollte es sich dann einer einfallen lassen, etwas zu schreiben, was nicht vorhergeplant war, dann widerführt ihm möglicherweise das Schicksal Herzmanovskys.

Der zweite von den fünf Bänden der Gesamtausgabe nennt sich:

Fritz von Herzmanovsky-Orlando: "Das Maskenspiel der Genien"; Albert Langen – Georg Müller-Verlag, München; 272 S., 12,– DM.

War der erste Band der Neudruck eines seit langem verschollenen Meisterwerkes, so wird im zweiten ein bisher unbekannter Roman aufgelegt. Das Thema ist das ewige Thema Herzmanovskys: ein groteskes Traum-Österreich voll bizarrer Schnörkel, Zuckerbäckerrokoko, in dem Schäferpoesie und Amtsdeutsch ineinanderklingen und selbst die mythischen Figuren Hellas’ den Doppeladler auf der Brust tragen.

Konkret gesprochen: Es geht um das Traumreich Tarockanien, das die Staatsklugheit Metternichs irgendwo zwischen der Steiermark und dem Mittelmeer geschaffen haben soll. Vier Könige regieren dort: diejenigen Landeskinder, die den vier Königen eines Normal-Tarockspiels am ähnlichsten sehen, werden alljährlich auf den Thron berufen. Und da der Schöpfer jener Spielkarten den Treffkönig mit einer etwas kriminellen Physiognomie versehen hat, ist der vierte König meist ein Verbrecher – was aber der Staatskunst weiter nichts schadet.