Berliner November 1907. Eine Stube übervoll mit schwärzlich purpurnen Plüschmöbeln. Auf der nachgedunkelten, polypenhaft gemusterten Tapete ein Paar gekreuzter Säbel und ein Kupferstich „Dankgebet nach der Schlacht von Leuthen“. Aus dem hohen Fenster des gritzgrauen Hauses ein Ausblick grau in grau durch trübe Vergangenheit oder lautlos rieselnden Regen: über die Waisenbrücke, die Spree hin, auf der in nicht endendem Zuge schwarze Frachtkähne vorüberschlichen, bis die frühe Dunkelheit sie in kriechende Schemen verwandelte, von roten und grünen Irrlichtern begleitet. Dann und wann ein tierhaft dumpf klagender Ruf, heraufbrüllend aus dem niemals endenden Leichenzug der Spreekähne, tagsüber ein harmloses Signal, in langer, regenschwerer Nacht jedoch aufschreckend aus einsamem Schlummer ...

In der Wohnung eines hochbetagten Offiziersehepaars hatte meine Mutter den makabren Schlupfwinkel gefunden. Als blutjunge Schweizer Pianistin war sie erstmals in die Reichshauptstadt gekommen, um in einem feudalen Mädchenpensionat des „Alten Westens“ als Klavierlehrerin zu wirken. Bald aber überwarf sie sich mit der adelsstolzen Direktorin (anscheinend einem notorischen Dragoner); indes verbot ihr ein gewisser Stolz, gleich wieder in ihre Waldstätterseeheimat zurückzukehren. So fand sie auf eine Annonce hin vorübergehend Logis und Beschäftigung bei dem an der Waisenbrücke domizilierten greisen Paar.

Das frönte einem schrulligen, mehr: nachgerade gespenstischen Versöhnungskult nach einem mit echt preußischer Verbissenheit geführten, Jahrzehnte und Jahrzehnte währenden Kampf. – Der Hausherr, ein pensionierter Oberstleutnant der Gardeinfanterie, bediente sich, wo er ging und stand, eines statt mit einem Gummifuß, der seinen neunundsiebzig Jahren angemessener gewesen wäre, mit einer Eisenspitze versehenen Knotenstocks. (Die Spitze galt ihm als letztes unvergängliches Wahrzeichen seiner kriegerischen Vergangenheit – mit zittriger Vehemenz stieß er sie nieder, demzufolge das brüchige Linoleum, mit dem die Dielen belegt waren, bei näherem Betracht sich als punktiert erwies von zahllosen kleinen Löchern gleich einer Bienenwabe.)

„Bißchen Tschingdarassabum dahinter!“ hieß seine Parole „Hätten die Buren man ordentlich noch bißchen Tschingdarassabum dahinter gepfeffert“, konnte er politisieren, „wär’s heute Essig mit John Bull“ Oder ereiferte sich über den Schneckengang der vorbeiziehenden Schleppkähne: „Jämmerlich! Es müßte was erfunden werden, damit so ’ne Kiste mal ’n bißchen Tschingdarassabum dahinterkriegt.“ Oder er rief, ließ der Nachtisch auf sich warten, in uraltgewohntem, etwas verrostetem Schnarrton in die Küche: „Wo bleibt das Hoppelgoppel, Mädchen? Machen Sie gefälligst bißchen Tschingdarassabum dahinter!“

Frau Friederike hinwieder gab sich durch ihr resedagrünes Chiffonkopftuch, die darunter hervorlugenden schlohweißen Simpelfransen auf den ersten Blick als Künstlernatur zu erkennen.

Kein Jahrzehnt nach Napoleons I. Tode in einer allen Künsten abholden Kaste geboren, hatte sie erst zwanzigjährig ihren ersten Kunstgenuß ausgekostet, ein Harfenkonzert, welches sie derart verzückt hatte, daß sie in aller Heimlichkeit Harfinistin zu werden beschloß. Kaum aber war sie mit den Anfangsgründen dieser Kunst vertraut worden, so daß sie eine der kinderleichtem Sonatinen von Clementi soso lala bewältigte, wurde sie dem brandenburgischen Infanteristen versprochen, an dessen Seite sie die glorreichen Siege über die deutschen Demokraten, die Österreicher und die Franzosen erleben durfte. Du liebe Zeit, mehr noch als Demokraten, Österreicher und Franzosen verachtete der Kriegersmann das Harfenspiel, dessen zimperliches Getön war ihm ein Greuel.

„Meinetwegen blas Posaune, Rieke, oder lerne Kesselpauken“, schnarrte er, „irgend etwas Herzerquickliches mit ’nem bißchen Tschingdarassabum dahinter – aber laß um Himmels willen die Finger von dem halben Affenkäfig!“ Er verehrte friderizianische Märsche, geschmettert von Pfeifen, Pauken und Trompeten.