Nichteinmischung gilt für beide Seiten, auch für Tschiang

Von Marion Gräfin Dönhoff

Oft meint man, es gäbe nichts, aber auch gar nichts, was gleichzeitig in beiden Hälften unserer gespaltenen Welt als Wertmaßstab – oder wie man heute gern sagt, als "Leitbild" – anerkannt wird. So verschieden sind diesseits und jenseits der Demarkationslinie die Vorstellungen vom Sinn des Lebens und den Methoden, ihn zu verwirklichen. Hier ist es der Mensch als Person, der im Mittelpunkt des geistigen und politischen Denkens und Handelns steht, drüben kreist alles um die Gemeinschaft, um das Kollektiv. Hie: Liberalismus, dort: Dirigismus ... Nicht nur die Realität, auch die Ideale sind vollkommen verschieden. So jedenfalls scheint es.

Aber wenn man genau zusieht, dann gibt es merkwürdigerweise doch ein Ideal – ausgerechnet ein politisches –, auf das beide Seiten schwören und das alle für verbindlich halten, der Osten, der Westen und auch die Neutralen. Es heißt: Nichteinmischung. Überall in der Welt, wo im Zeitraum der letzten zehn bis zwanzig Jahre Regierungschefs die Grundsätze ihrer Politik formulierten, steht diese Forderung als erstes Gebot auf den modernen Gesetzestafeln verzeichnet.

In der Atlantik-Charta, in der Roosevelt und Churchill 1941 für ihre beiden Länder "gewisse gemeinsame Grundsätze der Politik" festlegten, heißt es: "Sie respektieren das Recht aller Völker, die Regierungsform zu wählen, unter der sie leben, wollen ..."

Der Artikel 8 der Arabischen Liga, die im Herbst 1945 die arabischen Staaten zum erstenmal in einer gemeinsamen Organisation zusammenfaßte, lautet: "Jeder Mitgliedstaat verpflichtet sich, die bestehende Staatsordnung der anderen Mitgliedstaaten zu respektieren, wobei er diese als alleiniges Recht jedes einzelnen Staates bezeichnet. Er verpflichtet sich, von jeder Haltung Abstand zu nehmen, die auf eine Änderung dieser staatlichen Ordnung hinzielt."

Im Statut der UNO, das im Juni 1945 feierlich unterzeichnet wurde, heißt es bei der Aufzählung der Ziele und Grundsätze im Art. 1: "Freundschaftliche, auf Achtung für den Grundsatz gleicher Rechte und der Selbstbestimmung der Völker beruhende Beziehungen zwischen Nationen herbeizuführen und zu pflegen, und andere geeignete Maßnahmen zur Stärkung allgemeinen Friedens zu treffen."