Nun weiß man endlich, was der Vogel Strauß denkt, während er den Kopf im Sand versteckt und sein Hinterteil hochaufgerichtet hält: ‚Nun, es ist ja auch ganz in der Ordnung‘, denkt er, ‚daß die Jäger erfahren, wo ihre Schüsse mich am besten treffen...‘ Es war der "Rheinische Merkur", der diese Kopf-im-Sand-Gedanken bekanntgab. Und den Anlaß fand er in jenem Interview der ZEIT mit N. S. Chruschtschow, das seit seiner Veröffentlichung in unserer vorigen Ausgabe allenthalben zitiert wurde.

Nach dem Hinweis, daß bereits der "Prawda"-Artikel des sowjetischen Ministerpräsidenten, in dem er Dr. Adenauer und de Gaulle wegen ihrer Zusammenkunft in Colombey-les-deux-églises wüst angegriffen hatte, von der französischen Presse mit der gebührenden Geringschätzung behandelt worden sei, fährt der "Rheinische Merkur" so fort: "Dagegen stellt sich die ZEIT des CDU-Bundestagsabgeordneten Bucerius dem Kreml-Gewaltigen als Sprachrohr für ein Interview zur Verfügung, in dem er die Deutschen vor Adenauer, die Franzosen vor de Gaulle, beide voreinander und alle vor allen warnt. Nun, es ist ja auch ganz in der Ordnung, daß die Sowjetführer erfahren, wo sie ihre Propaganda am billigsten haben können!"

Welch eine Geistesverwirrung führte hier zu solcher Bosheit? Oder welche Bosheit zu solcher Verwirrung?

Es ist, liebwerter Rheinischer Merkur", doch wohl immer noch die Aufgabe einer Zeitung, den Lesern mitzuteilen, was zu wissen wichtig ist. Und was wäre für den Bundesdeutschen heute wichtiger als die Kenntnis der Ansichten, Auskünfte, Ausflüchte des mächtigsten Mannes im Kreml über seine Deutschland-Politik. Wer aber argwohnt, hier hätte sich eine Zeitung zum billigen Handlangerdienst sowjetischer Propaganda erniedrigt, muß in Verdacht geraten, daß ihm selbst – statt Unterrichtung der Leser – nichts als Beeinflussung im eigenen Sinne am Herzen liegt: Propaganda. Wenn dem aber so ist – warum tarnt sich eigentlich der "Rheinische Merkur" und nennt sich nicht offen und ehrlich "Rheinischer Propägandadienst"? Oder wenn er denn nicht über enge Grenzen hinwegfliegen oder partout nicht die Tendenzen und Methoden politischer Gegner kennenlernen will – möchten sie auch wie N. S. Chruschtschow über ein 200-Millionen-Reich regieren –, warum trennt er sich nicht von Symbol des geflügelten Götterboten und nennt sich treu und bieder "Rheinischer Pfahlbürger"?

Amüsant ist schließlich, daß die Vogel-Strauß-Gedanken ausgerechnet vom Chefredakteur des "Rheinischen Merkur" stammten. Er zitiert uns als "die ZEIT des CDU-Bundestagsabgeordneten Bucerius", womit er doch wohl andeuten will, dieser Verleger sei ein recht unsicherer Kantonist unter seinen Parteifreunden. Diese seine Ansicht aber setzt voraus, daß die ZEIT vor Veröffentlichung des Chruschtschow-Interviews fein brav ihren Verleger gefragt hätte: "Dürfen wir!" Wenn es aber nicht so war – und es war nicht so –, dann kann Dr. Roegele, der Chef des "Rheinischen Merkur", für die ZEIT doch nur das voraussetzen, was für ihn selbst im Umgang mit seinem Verleger gang und gäbe ist...

Da steht der Vogel Strauß, der nicht wissen will, wie Chruschtschow über uns Deutsche denkt, da steht er: Köpfchen im Sande, Bürzel in die Höh’. Und wer hätte gedacht, was da alles zum Vorschein kommt, wenn man den boshaften Vogel näher betrachtet, und wieviel Staub, wenn man ihm ein bißchen aufs Gefieder klopft!

J.M.-M.