G. G., Helsinki, Anfang Oktober

Die ersten Oktoberstürme aus dem Osten fegen über Finnland hin. Gleichzeitig ist auch ein rauher Reif auf das zarte Pflänzchen der finnischsowjetischen Beziehungen gefallen: Der russische Botschafter Lebedew hat völlig überraschend und ohne die übliche Abschiedsvisite Helsinki verlassen. "Aus Krankheitsgründen", sagte Moskau und deutete an, daß er vorerst nicht auf seinen Posten zurückkehren werde.

In Helsinki pfeifen es freilich die Spatzen von den Dächern, daß die "Krankheitsgründe" politischer Natur sind. Seit der Sozialdemokrat Fagerholm seine Koalitionsregierung gebildet hat und dabei die Kommunisten überging, die als stärkste Partei aus den finnischen Reichstagswahlen hervorgegangen waren, ist die Abkühlung im Verhältnis Moskau-Helsinki immer deutlicher geworden.

Das sowjetische Rubelangebot und die vorgeschlagenen Transitverhandlungen haben die Finnen recht kühl akzeptiert – jedenfalls keineswegs als ein Geschenk. Die Finnen haben zwar ihre Delegation ernannt, doch sind die Verhandlungen noch nicht aufgenommen worden. Und der Ton der sowjetischen Presse gegenüber Finnland wird immer schärfer. Die Iswestija warnte Helsinki davor, "zu den alten unfreundlichen Beziehungen zurückzukehren".

Nach wie vor betonen die finnischen Politiker, daß sie großen Wert auf gute Beziehungen zum Kreml legen, aber Moskau scheint dem neuen Kabinett in Helsinki diese Versicherung nicht mehr abzunehmen: In ihm sind jetzt jene Konservativenvertreten, die bei Chruschtschow und Gromyko auf der schwarzen Liste stehen.

Manche westlichen Politiker sind der – Ansicht, daß sich am Thermometer der finnisch-sowjetischen Beziehungen der Wärme- oder Kältegrad der sowjetischen Politik getreulich ablesen lasse. Wenn das zutrifft, bewegt sich der Kreml mit sei. ner Außenpolitik jetzt nahe am Gefrierpunkt,