Sir Leonhardts sind ein stark Geschieht, und wir vermehren uns kräftig. Ein beinahe allzu persönlicher Satz. Ich bitte, ihn mir nachzusehen, da es die Fülle der Leonhari(t)s war, die die Eindrücke eines Leonhardt in Frankfurt bestimmen — und verwirren mußte. "Ach, Herr Leonhardt ? Also hier hiben wir eine großartige Sache. Wie geschrieben für den Lesering! Das müssen Sie sich ansehen " "Verzeihung ", und dann muß ich erklären, daß ich nicht der Leonhardt bin, der bei Berteismann den Lesering leitet.

"Ach, Herr Leonhardt ? Ja, zuzeiten Ihres Herrn Vaters, da war mit der deutschen Liteiatur doch noch mehr los. Sie entsinnen sich irohl nicht mehr der Messen damals in Leipzig ?" "Verzeihung ", und dann muß ich erkliren , daß Rudolf Leonhard nicht mein Vater war. "Ach, Herr Leonhard ? Wann wird denn nun das neue Rußlandbuch fertig ?" "Verzeihung ", und dann muß ich erkliren, daß ich nicht Wolfgang Leonhard bin. "Ach, Herr Leonhardt ? Ihre Frau Mitter kenne ich gut. Wo lebt sie denn jetzt?" "Meine Mutter ist tot " "Aber, wie furchtbar! Susanne ist tot " "Verzeihung — meine Mutter hieß licht Susanne " Ein von mir neuentdeckter Sproß derer, die sich einmal in humanistischer Begeisterung löwenhaft fühlten und das dann auf lateinisch in ilrem Namen ausdrücken mußten, macht mir noch nehr Kummer. Seine Lebensgewohnheiten unterscheiden sich von den meinen auf recht peinliche Weise: Er geht früh zu Bett und steht früh auf. Nun wohnen wir unglückseligerweise in dem gleichen Hotel. Es müßte eine Zensur für Hatelnamen geben. Dieses hier nennt sich giand, während es doch in allzu vieler Hinsicht tres, tres petit ist Dem Empfangspersonal gelingt es nur sdten, zwischen zwei Leuten zu unterscheiden, die wenig gemeinsam haben — außer eben dem verhängnisvollen Namen. Man bildet sich ein, nele Müllers und Meiers müßten unser Hotelpersonal gelehrt haben, auch mit einer solchen Schwiärigkeit, fertig zu werden. Nicht in meinem Hotel zu Frankfurt. Freunde und Bekannte zu treffen, gelingt mir daher nur mühsam, und manchmal gar rieht. Die verabreden sich mit dem anderen Leonhtrdt. Ich hingegen werde in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett geklingelt. Etwa so: "Guten Morgen, Herr Leonhardt " "Guten Morgen " "Haben Sie gut geschlafen?" "Danke, gut, aber kurz Höflichkeit verbietet es mir, deutlicher zu werden. Verständnisvoll tuendes Gelächter auf der anderen Seite. "Tscha, wir wollten das ja nun heute mal besprechen " Muß das mitten in der Nacht sein, denke ich, und leichter Groll beginnt sich zu regen — ziemlich eisig: "Bitte " "Wir können ja auch später noch darüber reden" — mir aus dem Herzen gesprochen. , "Nur wollte ich gerne sicherstellen, daß Sie über den Tag nicht schon verfügt haben " Wenn der Mensch doch endlich damit herausrückte, was er nun eigentlich will. Er tut es rieht, ehe ich frage: "Worum handelt es sich eigentlich?" "Aber Herr Leonhardt", milder Vorwurf und sanfte Entrüstung in der Stimme, so, wie man zu einem wichtigen Mann Sie Knallkopp sagt, "natürlich die Sache mit Schweden " Schweden? Reiseseite — Stockholm — Fußball — Gösta — Eka, Die Assoziationen jagen sich. Keine davon führt mich nach Frankfurt. Da erstens dieses nächtliche Telephongespräch ganz am Anfang einer langen Kette von Verwechslungen stand und da mich zweitens noch mindestens drei Stunden vom Wachsein trennten, wurde ich erst jetzt mißtrauisch.

Inzwischen mein anonymer Telephonator: "Das Geschäft in Schweden hat doch geklappt?" Jetzt war ich sicher: Ich mache keine Geschäfte, in Schweden schon gar nicht, auch, wenn ich wach bin, nicht. Ob das Geschäft des anderen Leonhardt geklappt hat? Ich wünsche es ihm.

Was von dem einigermaßen sachkundigen Besucher der, Frankfurter Buchmesse noch immer und, allen Enttäuschungen zum Trotz, schon wieder erwartet wird, ist Schlager Prophetie: Welche Bücher kommen im Weihnachtsgeschäft ganz groß heraus?- Statt unter die Propheten zu gehen, kolportiere ich, was ich am Rande aufgeschnappt habe: "Thomas Manns Erzählungen (S. Fischer) — das kann gar nicht schiefgehen — "Gespannt sind wir nun, was Kuby mit seiner Rosemarie (Goverts) ohne freiwillige oder erzwungene Selbstkontrolle macht — Peyton Place: unverbindliche, da amerikanische, Gesellschaftskritik, angereichert mit SchlafzimmerOffenbarungen — wenn das nicht (wie in Amerika) ein Bestseller wird!" — "Kiaulehns Berlin Buch (BeckBiederstein), schon weltbekannt, ist sicher gut für 20000 — "Wer von deutschen Autoren belletristische Prosa erwartet, der muß sich in diesem Jahr wohl an Schnabel ( Ich und die Könige, Fischer) oder Gaiser ( Schlußball, Hanser) halten — "Ob das Interesse an Thomas Manns ironisch parodierendem Nachahmer ( War ich wirklich ein Hochstapler? — Herbig) am Ende stärker ist als das Interesse an Thomas Manns eigener Ironie?" — "Den Werken des Friedenspreisträgers (Jaspers, bei Piper) und des Festredners und Festspielautors (Frisch, bei Suhrkamp) kann es ja wohl nicht schlecht gehen " Genug, genug. All dieser Rauch ist sicher nicht ohne Feuer .

fr Das Bonmont eines Bösewichts, der sich Kritiker nennt: "Ist Ihnen nicht aufgefallen, Herr Leonhardt, in Frankfurt werden die Mädchen (an den Ständen der Verlage) immer schöner — und die Bücher immer schlechter!" Demgegenüber ein mehr dem Ernsthaften zugewandter Rezensent: "Schrecklich ist, daß es hier keine wirklich schlechten Bücher gibt. Deswegen gibt es auch keine wirklich guten Bücher mehr. Diese zehnte Buchmesse ist die Messe des guten Durchschnitts " #Wenn es Literatur Weltmeisterschaften gäbe und wenn die Zahl der erschienenen Titel dabei für Meter, Sekunden oder Tore gelten dürfte, dann könnten wir uns in der Statistik sonnen, die uns wieder einmal (wie kürzlich bei den Fußball Weltmeisterschaften in Stockholm) den vierten Platz zuweist. Vierter, mit 16 690 Titeln, in der literarischen Weltgeistesproduktion zu sein — wen erfüllt das nicht mit tiefgefühlter Befriedigung? Er interpretiere dann auf seine Art die "Überlegenheit" der ersten drei: Sowjetunion (31 616 Titel), Großbritannien (20 719) und Japan (20 541).

"Warum fährt man eigentlich noch nach Frankfurt zur Buchmesse?" ist eine Frage, die von den "Gebildeten unter ihren Verächtern" erschreckend gern gestellt wird. Warum sie selber da sind, verraten die Fragestellter in diesem Zusammenhang selten. Dabei gibt es eine ehrliche und dennoch nicht ganz abwegige Antwort: weil man gar nicht so häufig gleich viele über Kühlschränke hinaus oder daneben vorbeistrebende, aufgeschlossene, interessierte, trotz allem nicht verzweifelnde, kurz: liebenswerte Menschen auf einigen hundert Quadratmetern versammelt findet: Buchhändler, Verlagsbeflissene, Autoren und — last but certainly not least — Leser. Wenn eine Buchmesse eröffnet wird, dann darf niemand von den offiziellen Reden allzuviel erwarten. Verkaufsoptimismus muß die Grundstimmung sein, und da die deutsche Literatur ohnehin "Zu zwei Dritteln (niedrig gegriffen) Obersetzungsliteratur ist, bietet sich das Ideal "Europa" auch kommerziell an. Wie sich Geschäft und Geist verketten .

Nun, seien wir keine Toren: Es heißt schon etwas, daß die größte Buchmesse der Welt jetzt in Frankfurt stattfindet und daß die Zahl der ausländischen Aussteller das für, den deutschen Bedarf gewiß nicht zu niedrige Angebot von mehr als sechshundert Verlagen bereits übersteigt. Vivat Frankfurt! fr Manchmal meint man, es werde von der "geistigen Freiheit" zu viel geredet auf einer solchen Buchmesse. Und wenn man von den Kämpfen hört, die hinter den "Kulissen stattfinden um Fragen wie die Zulassung sowjetrussischer oder (viel schlimmer noch) mitteldeutscher Verlage, dann bangt man darum, daß wieder ein schönes Wort in den Kreis der "Anliegen", "Gespräche" und "echter Begegnungen" eingegangen sein könnte — in den Kreis der Wörter also, die nur noch tönen und beinahe nichts mehr bedeuten. Doch schließlich wurden sie zugelassen, die Verlage aus all jenen östlichen Ländern, welche etwas anderes als wir meinen, wenn sie "Freiheit" sagen, und welche wir nur um einen Preis ignorieren oder ächten können! um den Preis unserer Freiheit.