Während die heutigen Bürger der Bundesrepublik und Westberlins fast schon vergessen haben, daß die bei der Kapitulation in Berlin eingefrorenen Uraltkonten seit der Währungsreform vor zehn Jahren längst umgestellt und ausgezahlt worden sind, hat sich die Regierung der Sowjetzone erst jetzt dazu entschlossen, die in ihrem Machtbereich auf ein Zehntel ihres Reichsmarkbestandes abgewerteten Uraltguthaben endlich auszuzahlen. In den Genuß dieser Maßnahme kommen – man möchte sagen: selbstverständlich, nur ständige und noch jetzt dort lebende Bewohner. Nach amtlichen Angaben soll es sich um 8 Millionen Menschen mit einer umgestellten Kapitalsumme von 2,4 Mrd. DM-Ost handeln.

Da es in Pankow üblich ist, jede Selbstverständlichkeit als "Errungenschaft" zu feiern, ist auch dieser Tilgung einer Schuld, von deren Einbehaltung das Regime lange genug profitiert hat, ein farbiges Mäntelchen umgehängt worden. Sie soll, "entsprechend den Grundsätzen der Politik der Regierung, nach sozialen Gesichtspunkten vorgenommen" werden, wie Grotewohls Presseamt mitteilt. In der Praxis bedeutet dies, daß vom 2. Januar 1959 an zunächst die Besitzer von Konten bis zu 100 DM-Ost innerhalb feines Jahres voll befriedigt werden sollen. Wer über einen Buchwert zwischen 100 und 200 DM-Ost verfügt, muß sich noch bis 1960 oder 1961 gedulden, um die Reste seines einstigen Guthabens auf einen Schlag kassieren zu können. Darüber hinausgehende Beträge sollen dann "in den folgenden Jahren nach und nach" getilgt werden.

Wann der Pankower Staat die Aktion abzuschließen gedenkt, ist sein streng gehütetes Geheimnis. Der einzig erkennbare "soziale Gesichtspunkt" ist die Ausnahmeregelung für diejenigen Inhaber von Konten über 100 DM-Ost, die bereits Altersrentner sind. Für sie ist im kommenden Jahr nicht etwa schon ein Hundertmarkschein "eingeplant", sondern erst ein Teilbetrag von 50 Mark.

Die plötzliche Bereitschaft des Ulbricht-Regimes, in den Staatshaushalt (der in diesem Jahr bereits die 40-Milliarden-Grenze überschritten hat) drei Jahre lang einschließlich Zinsen eine knappe Milliarde für diesen Zweck einzubauen, ist sicher alles andere als ein Anflug sozialer Gesinnung. Sie ist ein Versuch, die unzufriedenen Bürger mit der Hoffnung auf ein paar bunte Scheine bei der zur bevorstehenden "Volkswahl" aufgestellten Fahnenstange zu halten. Überdies war Grotewohls Presseamt in einem Kommentar unvorsichtig genug, den Topf bekanntzugeben, in den der Finanzminister zu greifen gedenkt. Man wies nämlich auf die rund elf Milliarden Mark Sparguthaben hin, die sich in den letzten Jahren mangels ausreichender Anlagemöglichkeiten in guten und preiswerten Konsumgütern neu gebildet haben. gns.