Von Hans Kasper

Hetäre Täotia trug auf der reizenden Brust den berühmtesten Orden ihrer Tage, verliehen für einen Sieg – besonderer Natur. Den großen Feldherrn Lyksos nämlich hatte sie am Abend vor einer Schlacht so zweckentfremdet, das will bedeuten: so glücklich gemacht, daß er am nächsten Morgen die weckenden Trompeten, und den heranreitenden Ruhm verschlief.

So fiel das Treffen aus, und der Feind, der sich zu Recht versetzt fühlte, räumte indigniert das Feld der verschnarchten Ehre. Stolz, Mut und Blut von Roß und Reiter trollten sich nach Hause, gänzlich unbenutzt, und selbst die vorgesehenen Toten suchten statt des kühlen Rasens ihre warmen Betten auf. Ein Blatt im Buche der Geschichte ward nicht umgeblättert.

Ein fortschrittliches Land, wie es ja heute viele gibt, hätte Täotia der Schwächung der Nation angeklagt. Doch damals herrschte noch der Stillstand, nicht das Volk, nicht eine Klasse – nur ein König. Der König war ein leiser Herr, vernünftig und von angenehmer Dekadenz, sein Blut so blau, daß ihm die lauten Leidenschaften der Politik fern waren wie der Markt dem Schloß, in dem er wohnte.

Ihm war es recht, daß Mars verschlafen hatte, und für so süßen Zufall königliche Huld zu zeigen, verlieh er jenen glitzernden Orden – ursprünglich einer Generalsbrust zugedacht – eben der Dame Täotia, wenn sie auch weiterhin in der Gesellschaft natürlich nicht als solche galt.