Das ist überhaupt nicht zu übersehen: wer was aus der Rede machen wird, die Karl Jaspers hielt, als ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1958 verliehen wurde. Wer wird die pointierte Kritik auf sich beziehen, und wer wird aus den Argumenten lernen wollen?

Jaspers hat auf einen Kausalzusammenhang von Frieden, Freiheit und Wahrheit verwiesen. Friede sei nicht ohne Freiheit, Freiheit nicht ohne Wahrheit. Es liegt daher nahe zu fragen: Wie hoch im Kurs steht bei uns die Wahrhaftigkeit?

Zunächst: Es gibt sicherlich sehr, sehr viele Anhänger der Wahrheit, sehr, sehr wenige Anhänger der Lüge – wenn wir unter letzteren solche Menschen verstehen wollen, die aus Vorsatz und Passion lügen: um des Lügens willen. Gewiß lügen alle Menschen, die überhaupt lügen, ein bißchen .. wider Willen (das nimmt wohl ein jeder für sich selber in Anspruch – nur bei dem anderen läßt er es zumeist nicht gelten).

Man kann dagegen auch sagen: Wer ein Anhänger der Wahrheit ist, denkt, sagt und tut darum noch nicht unbedingt die Wahrheit. Wahrheit tun (oder sagen) ist oft anstrengend. Wahrheit kann gefährlich sein: Sie erfordert dann also Mut. Wahrheit kann Nachteile bringen: Also erfordert sie dann Verzicht.

Von der Wahrheit haben wir zumeist eine romantische, eine durchaus "unrealistische" Vorstellung: Sie scheint uns jene Kuh zu sein, die man zwar immer melken kann, die man aber nicht zu füttern braucht. Wir sind so gern Schmarotzer der Wahrheit. Doch Schmarotzertum und Wahrhaftigkeit, das verträ’gt sich nicht.

Es war charakteristisch, daß Jaspers uns auch vorhielt: Unsere politische Freiheit ist nicht unser Verdienst, das heißt doch fast so viel wie: Wir sind Schmarotzer der Freiheit.

Erst die persönliche Anstrengung rechtfertigt die Wahrheit, die Freiheit, den Frieden, das Glück. Das ist nicht unbedingt gemütlich. Aber es ist gut erträglich: um der großen Ziele wegen. René