G. Z., Karlsruhe

Recht delikat ist das Thema, das die Karlsruher Bevölkerung jetzt erörtert. In der Altstadt wollen private Interessenten "Appartementhäuser" mit jeweils 30 bis 40 Zimmern für "gewisse Damen" bauen – und die Stadtverwaltung soll die Grundstücke zur Verfügung stellen. Appartementhäuser oder nicht, ist nun die Frage.

In der Altstadt sind die Karlsruher Nächte am längsten. Hier warnt an baufälligen Häusern das Off-limits-Schild die US-Urlauber. Hier hat die Polizei während der letzten drei Monate 37 Razzien durchgeführt und dabei 893 Dirnen kontrolliert, Die Bilanz: 161 wurden dem Gesundheitsamt übergeben. Weil sie auf der Straße unmißverständliche Angebote gemacht haben, wurden 106 angezeigt, 253 aus dem gleichen Grunde verwarnt. Sich einen "festen Wohnsitz" zu beschaffen, wurde 13 streunenden Mädchen amtlich auferlegt. In fünf Fällen schließlich ordnete der Richter die Einweisung in ein Arbeitshaus an.

In der Altstadt wohnt aber nicht nur das Laster. Handwerker haben hier ihre Betriebe, brave Wirte stehen hinter den Thesen grundsolider Gasthäuser. Einige Tausend Bürger haben hier Häuser und Wohnungen. Die Kinder dieser Bürger aber wachten in recht gemischter Gesellschaft auf... Das bereitet den kirchlichen Verbänden, den Soziologen und der Polizei, die sich um eine Sanierung der Karlsruher Altstadt bemühen, am meisten Sorge.

Der Bürgerverein Stadtmitte hat nun vorgeschlagen, das Übel mit der Wurzel auszureißen und das Karlsruher "Nachtleben" radikal aus der Altstadt zu verbannen. "Aber wohin damit?" fragt der Oberbürgermeister. Jeder andere Stadtteil werde sich mit Händen und Füßen gegen die Aufnahme der "Zwangsevakuierten" wehren. Und so erscheine denn die Konzentrierung der Dirnen auf bestimmte Baulichkeiten innerhalb der Altstadt im Augenblick als beste und einzige Möglichkeit, dem Übel abzuhelfen.

Dem Plan des Bürgervereins, die gesamte Altstadt zum Sperrgebiet zu erklären und damit die unliebsamen Untermieter zum Abwandern zu zwingen, steht zudem eine Entscheidung des Bundesgerichtshofes gegenüber, wonach Polizeiverordnungen unwirksam sind, "die Gewerbsunzucht an bestimmten Stellen (Straßen, Plätzen usw.) unter Strafe verbieten". Wenn in Großstädten "das Bedürfnis besteht, örtliche Dirnen-Sperrbezirke zu schaffen, dann kann dem nur durch ein Bundesgesetz abgeholfen werden", meinten die Richter. Aber ein solches Gesetz existiert nicht.

Bisher waren die Debatten um die Sanierung der Altstadt rein theoretisch. Es blieb nämlich alles beim alten – bis nun ein Karlsruher Geschäftsmann bei den zuständigen Dienststellen anfragte, ob man ihm ein stadteigenes Grundstück zum Bau eines "Appartementhauses" verkaufen wolle. Damit ist das Sanierungsprojekt zu einer amtlichen und aktuellen Angelegenheit geworden. Und zum ergiebigen Gesprächsstoff an den Stammtischen, zumal sich bereits ein zweiter Bauinteressent gemeldet hat.