Von Gottfried Sello

Xaver Fuhr lebt in Regensburg, und als der Oberbürgermeister von Regensburg ihm in der vorigen Woche zu seinem 60. Geburtstag die Albertus-Magnus-Medaille überreichte, nannte er ihn "einen der bedeutendsten lebenden deutschen Maler von internationaler Geltung". Das war sicher eine reichlich übertriebene Formulierung, wie das bei festlichen Anlässen und aus gut gemeintem Lokalpatriotismus üblich ist.

Man kennt Xaver Fuhr in München, wo er seit 1946 als Akademieprofessor wirkt, man kennt ihn in Süddeutschland, aber von gesamtdeutscher, geschweige internationaler Geltung kann ernsthaft kaum die Rede sein. Er gehört zum Beispiel entschieden nicht zu der kleinen Spitzengruppe von Malern, die in Deutschland die vielen Kunstpreise einheimsen. Und er teilt das Schicksal mangelnder Resonanz mit den anderen, den meisten Künstlern seiner Generation, die um die Mitte der zwanziger Jahre hervortraten, Erwartungen weckten, ersten Ruhm gewannen und hier und da schon in die Museen Einzug hielten und – deren Namen dann nach 1933 verschwanden. Als der Spuk des Dritten Reiches vorüber war, hätte eigentlich die Stunde ihres Triumphes schlagen müssen. Aber ihre Wiederkehr in die Öffentlichkeit gelang doch nur unvollkommen.

Zwar gab Franz Roh 1946 als eine der ersten Kunstpublikationen nach dem Kriege einen schönen Mappenband erstaunlich guter Farbreproduktionen von Aquarellen Xaver Fuhrs heraus. Aber sehr bald konzentrierte sich das Interesse auf die Künstler, die entweder älter oder jünger waren: auf die "Wegbereiter", auf die Maler der "Brücke" und des "Blauen Reiter", und auf die Jungen, die erst nach dem Kriege bekanntwurden und sich rasch nach vorne spielten (oder gespielt wurden).

Manche aus dieser Zwischengeneration, die auf die Wegbereiter folgte, waren wendig genug, um das Neue mitzumachen. Andere, die in den zwanziger Jahren begabt und verheißungsvoll begannen, treten auf der Stelle, sind unsicher, resigniert, gelähmt, und wenn sie ihren 60. Geburtstag feiern, gerät man in Verlegenheit, ob man das, was sie vor 30 Jahren machten, rühmen oder besser mit Rücksicht auf ihre jetzige Produktion verschweigen soll...

Xaver Fuhr hat sich, anders als die meisten seiner Altersgenossen, weder lähmen noch in eine ihm fremde Richtung drängen lassen. Seine neuen Arbeiten, die wir jetzt in der Galerie Commeter in Hamburg sahen (für den Spätherbst bereitet Günther Franke in München eine noch umfangreichere Kollektivausstellung vor), liegen durchaus auf der Linie, auf der er vor 30 Jahren begonnen hat, ohne daß man ihm Wiederholung oder Manieriertheit vorwerfen könnte.

Er malt, um im heutigen Jargon zu reden, "noch immer gegenständlich", und es sind sogar vielfach die gleichen Gegenstände, die ihn beschäftigen, und die gleichen technischen, malerischen, stilistischen Eigentümlichkeiten. Dazu gehört eine merkwürdige Diskrepanz zwischen Zeichnung und Kolorit. Beide laufen gleichsam selbständig nebeneinander her. Die Farbflächen gehen über den Kontur hinaus, das Grün des Baumes deckt sich nicht ganz mit den begrenzenden Linien, und ein Blau ist größer als die Figur, zu der es gehört.