Von Marianne Regensburger

Immer wieder stößt man in der politischen Diskussion auf "Syndrome", einen Betriff, der aus der Biologie stammt und das gemeinsame Auftreten verschiedener Erscheinungen oder Symptome bezeichnet. Ein solches "Syndrom" des politischen Denkens sieht dann etwa so aus: Wer gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr ist, muß zwangsläufig für eine Volksbefragung darüber sein. Wer etwa gegen beides ist, fällt beachtlich aus dem Rahmen und muß es sich gefallen lassen, daß er, je nachdem, der "Rechtsabweichung" oder der "Linksabweichung" bezichtigt wird. Als Gegengift gegen solches pauschales Denken wirkt:

Paul Sethe: "Die großen Entscheidungen"; Verlag H. Scheffler, Frankfurt; 130 S., 6,80 DM.

Der schmale Band enthält eine Zusammenfassung von Gedanken, die der Autor schon in seinen Leitartikeln während der letzten achtzehn Monate ausgesprochen hat. Hier passieren sie noch einmal Revue, "die großen Entscheidungen", die uns bewegten; sie passieren Revue als Reflexionen im Spiegel eines klaren Geistes: die Sputniks und die Frage der Raketenbasen in Mitteleuropa, Kennans und Rapackis Vorschläge zur Entspannung der Lage und das – trotz Ungarn – ständig wachsende Prestige Rußlands in der farbigen Welt.

Wie ein roter Faden aber laufen durch das Buch die Fragen, die sich um die Wiedervereinigung Deutschlands drehen: Ist die gegenwärtige militärtechnische Entwicklung dazu angetan, die Wiedervereinigung näherzubringen? Unter welchen Bedingungen kann die Wiedervereinigung überhaupt erreicht werden, und welcher Preis kann und muß für die Wiedervereinigung gezahlt werden? Das sind Gewissensfragen, und Sethe beantwortet sie gewissenhaft – was es festzuhalten gilt in einer politischen Atmosphäre, die dazu reizt, anders Denkende sofort ruchloser Motive zu verdächtigen.

Im Verbleiben fremder Truppen auf deutschem Boden sieht Sethe das Haupthindernis für die Wiedervereinigung. Darum auch heißt er die Vorschläge Kennans und Rapackis gut. Auch gehört Sethe zu jenen, die meinen, daß der 1952 von den Sowjets geforderte Preis für die Wiedervereinigung, nämlich die Nichtzugehörigkeit Gesamtdeutschlands zu einem der beiden Militärblöcke, hätte bezahlt werden sollen. Eine andere Frage ist es freilich, ob das Angebot der Sowjets erns: gemeint war. Fest steht, daß der Preis, den die Sowjetunion seit 1952 für die Wiedervereinigung verlangt, sich laufend erhöht.

Die Frage nach dem Preis, den wir für die Wiedervereinigung zahlen müßten, beantwortet Sethe mit dem Hinweis, daß ein Abzug der sowjetischen Truppen aus Mitteldeutschland für die Russen möglicherweise einen Rückzug auch aus Polen und Ungarn bedeuten könnte, mehr also, als nur einen Verzicht auf ein Aufmarschgebiet. Wie hoch der Preis dafür sein kann, das deutet er nur an, wenn er die Möglichkeiten eines deutschen Bundesstaates erwägt und auch die Existenz – zumindest für eine gewisse Zeit – zweier wirtschaftlichen und sozialer Systeme innerhalb dieses Bundesstaates.