Von Paul Hühnerfeld

Was der Mond für den Lyriker, das war die Kleinstadt lange Zeit für den deutschen Eizähler: romantisches Requisit, in dessen stillen Gissen sich Schicksal abspielte.

Aber so wie der Mond nicht freundlich harmloser Begleiter der Liebenden blieb, sondern bei den Expressionisten schließlich, ganz ohne seine Schuld, beschimpft und verhöhnt zum "pittoresken Kegelkönig" degradiert wurde, so sind auch die Kleinstadt-Idylle von den Autoren allmählich "entlarvt" worden. Seit den großen Romanen der Brüder Mann, seit den "Buddenbrooks" und "Professor Unrat", ist es in Deutschland eigentlich nicht mehr möglich, die Idylle der kleinen Stadt für bare Münze zu nehmen. Wer es dennoch tut, so wie in den dreißiger Jahren Klaus Erich Boerner in seinem Buch "Ursula", läuft Gefahr, aus der Literatur in den Kitsch abzugleiten.

Nun haben ja weder der Mond noch die idyllische Kleinstadt die Dichter je darum gebeten, als prononciert liebenswürdige Kulisse für die Beschreibung im allgemeinen freundlich verlaufender Menschenschicksale herangezogen zu werden. Es wäre einer Untersuchung wert, herauszubekommen, wie sie in diese Rolle gedrängt wurden, und ich könnte mir vorstellen, daß diese Untersuchung einen Beitrag zur Analyse der Angst des Menschen vor der modernen Zivilisation werden würde. Hier muß nur festgestellt werden, daß Mond und Kleinstadt die modernen Autoren auch heute noch so reizen, daß sie, wenn auch mit negativem Vorzeichen, ständig als Kulisse weiterbenutzt werden. An Stelle heimeliger Idylle tritt Beschränkung, Bosheit, Enge. Daß die Kleinstadt so gesehen wird, zeigt schon der Titel des ersten Buches eines österreichischen Autors.

Humbert Fink: "Die engen Mauern"; Henry Goverts Verlag, Stuttgart; 283 S., 14,80 DM.

Da in Deutschland jeder Autor, der noch nicht über sechzig ist, als "jüngerer Autor" vorgestellt wird, ist es vielleicht wichtig zu sagen, daß Fink wirklich noch jung ist. Er wurde 1933 in Salerno geboren, schrieb ein paar Gedichte, versuchte in Österreich eine Kulturzeitschrift herauszugeben und brachte es nun zu einem Roman. Dieser Roman spielt in einer kleinen österreichischen Stadt. Fink war mutiger als Thomas und Heinrich Mann. Er nennt seine Stadt mit Namen: Villach an der Drau.

Ich bin vor einigen Wochen durch Villach gekommen. Es war ein heißer Sommertag, und ich habe die angenehmsten Erinnerungen an diese Stadt. Fink – oder besser: Finks literarischer Held Bartholomäus Windischbühel – hat sie nicht, was ohne Zweifel daran liegt, daß er nicht nur einen Sommertag, sondern sein bisheriges Leben in Villach verbringen mußte.