Politische Interessen und wirtschaftliche Notwendigkeiten widersprechen einander stärker denn je

Von Wolfgang Leonhard

In den letzten Wochen mehren sich die Anzeichen, daß in der Sowjetgesellschaft die früheren Widersprüche zwischen Parteiapparat und Wirtschaftskräften in neuen Formen aufgetreten sind. Eine Pressekampagne gegen die Verschleuderung von Haushaltsmitteln, ferner ständige Angriffe gegen regionale Wirtschaftsfunktionäre, eine Verschärfung der zentralen Staatskontrolle über die örtlichen Wirtschaftsbehörden und schließlich die Mobilisierung der Gewerkschaftsorganisationen gegen die zu selbständigen Wirtschaftsführer – das sind die äußeren Erscheinungsformen des Kampfes widerstreitender Interessen, der gewiß noch lange Zeit die sowjetische Innenpolitik beschäftigen und sicherlich auf dem 21. Parteitag seinen Niederschlag finden wird.

Die heutigen Auseinandersetzungen haben ihren Ursprung in der Differenzierung der sowjetischen Oberschicht, die seit Mitte der dreißiger Jahre immer deutlicher zutage getreten ist. Die unterschiedlichen Aufgaben der einzelnen "Säulen" des Systems – vor allem des Parteiapparates und der Managerschicht – spielen dabei eine besondere Rolle.

Funktionäre wider Direktoren

Der Parteiapparat (nach offiziellen Angaben beschäftigt er 214 000 besoldete Funktionäre, in Wirklichkeit dürfte die Zahl jedoch größer sein) ist der politische Stoßtrupp des Regimes, die treibende Kraft bei allen "Kampagnen" und auch bei der "Transformation von oben". Die Aufsicht über die Presse, den Rundfunk, die Parteischulung und die Agitation liegt in seinen Händen. Er ist für "Kader-Fragen" verantwortlich, das heißt für den Einsatz von Funktionären auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens. Mit einem Wort: seine Hauptaufgabe ist die politische Aktion. Deshalb ist er an ständiger Bewegung, an immer neuen Kampagnen interessiert.

Ganz andere Interessen haben dagegen die Mitarbeiter der zentralen und regionalen Wirtschaftsbehörden, die 240 000 Betriebsdirektoren und 80 000 Kollektivwirtschafts-Vorsitzenden sowie die Techniker, Ingenieure und Agronomen. Die Mehrzahl von ihnen strebt nach Ruhe und Sicherheit, normalen Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten, größeren Kompetenzen und Rechten, Befreiung von Parteikämpagnen und Anerkennung der ökonomischen Anreize als entscheidenden Faktor der Wirtschaftsentwicklung. Diese unterschiedlichen Interessen kamen schon in der Stalin-Ära immer wieder zum Ausdruck; in jüngster Zeit haben sie jedoch neue Formen angenommen.