D. K. Ottawa, im Oktober

Als Junge schon kannte er nur einen Wunsch: Ministerpräsident wollte er werden, nichts weniger als das. Es gelang ihm, dem Landschullehrersohn aus der entlegenen Provinz Saskatchewan, nicht auf Anhieb. Sechsmal fiel er als Bewerber um einen Parlamentssitz und um den Parteivorsitz durch. Aber im Juni 1957 schaffte er den großen Sprung: John G. Diefenbaker wurde Kanadas Ministerpräsident, der erste fortschrittlich-konservative Premier nach 22 Jahren liberaler Herrschaft. Selbst seine Landsleute waren überrascht von dem Wahlsieg Diefenbakers, dessen Partei es inzwischen – bei den Neuwahlen im März – auf 209 von 265 Sitzen im Parlament zu Ottawa gebracht hat.

Dieser Wahlsieg war nur in zweiter Linie der Triumph einer Partei. In erster Linie war es der ganz persönliche Triumph des Ministerpräsidenten. Diefenbaker ist im politischen Leben Kanadas ein Sonderfall, wie es ihn seit den Tagen John A. Macdonalds, des "Vaters" Kanadas, nicht mehr gegeben hat: ein populärer Ministerpräsident. Nach einer Gallup-Umfrage vom vorigen Monat betrachten ihn 60 Prozent der Wähler als "ihren" Mann.

Macdonald fesselte die Phantasie der einfachen Leute durch seine kernige Persönlichkeit. Die alten Pioniere verehrten ihn wie einen Helden – nicht zuletzt wegen seiner Fähigkeit, Unmengen von Whisky zu konsumieren (eine Gewohnheit, die auch seine Reden im Parlament befeuerte. Diefenbakers Beliebtheit ist anderer Art. Sie gründet sich auf seine Rednergabe, seine gründliche Kenntnis der Probleme Kanadas und die Fähigkeit, den Kanadiern in zahllosen Ansprachen immer wieder genau das zu sagen, was sie gerne hören wollen.

Die Rhetorik des 63 jährigen war es vor allem, die ihm die Türen in die Politik aufsprengte. Ei, der im ersten Weltkrieg als Leutnant diente und 1917 schwer verwundet wurde, schuf sich nach dem Krieg als Strafverteidiger in den Gerichtssälen des kanadischen Westens rasch einen klangvollen Namen. Kraftvoll und gefühlsbetont, mit unfehlbarem Sinn für Dramatik, hämmerte er auf die Jury ein und brachte es meistens fertig, die Geschworenen auf seine Seite zu ziehen.

Hatte er das Reden im Gerichtssaal erlernt, so erwarb er sich die Kunst des geschickten Finassierens in der Politik: seit 1940 als Unterhausabgeordneter, seit 1956 als Vorsitzender der Fortschrittlich-Konservativen Partei. Der kanadische Ministerpräsident hat viel von der Welt gesehen und bei seinen Reisen viel gelernt: in den Vereinigten Staaten vor allem die Routine energischzupackender Wahlkampfmethoden.

Ein Ziel hat Diefenbaker immer wieder gepredigt, und die 16 Millionen Kanadier haben es immer wieder von ihm hören wollen: Kanada muß aus der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten herausgelöst werden. Aber auch in Ottawa wird nichts so heiß gegessen wie gekocht. Der Plan, 15 Prozent des kanadischen Handels mit den USA nach England umzuleiten, ist unauffällig wieder in der Versenkung verschwunden.