Wenn die Bouteillen recht wohl zugemachet sind, und an einen temperirten Ort hingesetzt werden, so conserviret sich das Wasser einige Jahre bey völligen Kräften und Geschmack; wie ich denn vor einigen Jahren eine Bouteille, welche vier Jahre lang in meinem Keller gestanden, nach deren Eröffnung so schön und frisch befunden, als wenn sie erst wäre geschöpfet worden ...

Ueberdem habe ich noch befunden, daß, da ich ein offen Glas mit driburger Wasser angefüllet, hingesetzet, auch dasselbe etliche Monathe habe stehen lassen, es dennoch seine völlige Schönheit, Weiße und Helligkeit behalten. Und daraus kann man gar deutlich und gründlich schließen, daß unser driburger Wasser nicht so leicht verderbe, sondern lange Zeit könne erhalten, und daher an die entlegensten Oerter verfahren werden, ohne Furcht, daß ihm das geringste an seinen Kräften abgehe ...

Driburger Badebüchlein von 1757

Es ist just zweihundert Jahre her, daß der tüchtige Brunnenarzt Bernhard Wilhelm Rödder, Medicinae Doctor und Ihro Churfürstlichen Durchlaucht zu Colli Fürstl. Paderbornischer Leib- und Hofmedicus, über den von ihm eröffneten Brunnenversand berichtete. Für sechs paderbornische Pfennige konnte jeder Patient, dem die Reise in den westfälischen Heilgarten oder in die waldeckischen und hessischen Bäder zu beschwerlich war, "eine Bouteille oder Krug" des heilkräftigen Wassers beziehen, "es sey denn daß sie" – nämlich die zur Abfüllung benutzten Flaschen oder Krüge – "gar zu unförmlich groß wären". So hatte Rödder dafür gesorgt, daß viele Fremde auch nach dem Abschluß der Kur mit der Brunnenverwaltung, dem Badearzt und vor allem – mit der Quelle selbst in Verbindung blieben. Die Haustrinkkur war erfunden. Wirklich erfunden? Vielleicht lassen sich in noch älteren Chroniken auch Hinweise auf frühere Heilbrunnen-Versandstellen finden. Da schon seit Jahrhunderten Weinflaschen von Ort zu Ort transportiert wurden – warum sollte man es eigentlich nicht mit heilkräftigen Wässern tun? Es muß allerdings bedacht werden, daß bis weit ins achtzehnte Jahrhundert hinein die gläserne Flasche nur für hohe Standespersonen und reiche Bürger erschwinglich war, während die übrige Menschheit sich zinnerner Kannen und irdener Krüge bediente...

Als Rödder sein Badebüchlein schrieb, hatten die Kurgäste noch mehr Zeit, als heute erwartet werden kann. Sie stiegen in dem "von dem holdseligen Fürsten Francisco Arnoldo schönst erbauten Hause" ab, wo sie "außer den vielen und wohl meublierten Zimmern allein für mehr als fünfzig Pferde Stallung" fanden. Und sie blieben gewiß in den allermeisten Fällen, bis ihre Gesundheit so weit hergestellt war, daß sie ihre Pferde wieder aus dem Stall holen und zur Rückreise anspannen konnten.

Wenn schon damals, als es üblich war, lange Zeit "auszuspannen", eine Nachkur daheim durchaus zu empfehlen war, wieviel mehr haben wir heute Anlaß, nach der Rückkehr aus dem Bade einige Bouteillen in den Keller zu stellen. Da sich die Badeärzte darüber einig sind, daß die wenigsten Patienten lange genug "kuren", hat auch die Fortsetzung des Kurmittelgebrauches in den eigenen vier Wänden besondere Bedeutung gewonnen.

Und was der Paderbornische Hof- und Leibmedicus mit einem großen Aufwand an Beredsamkeit zu erreichen suchte, nämlich die Menschen davon zu überzeugen, daß die Heilbrunnen gleichsam "offene Apotheken" seien, "die ein jeder nach Genügen, zu seiner Gesundheit trinken und brauchen kann, auch ein Großes davon zu hofen hat", das unternimmt im zwanzigsten Jahrhundert die exakte medizinische Wissenschaft mit Hilfe der Isotopenlehre. Sie gestattet eine Fein-Analyse des Mineralhaushaltes unserer Erde, der aus ihr entspringenden Quellen und des menschlichen Körpers, in dessen Geweben nicht weniger als 53 von den 88 in der Natur vorkommenden Elementen nachgewiesen wurden. Es steht fest, daß viele von diesen – teilweise nur in unwägbar kleinen Mengen auftretenden – Mineralstoffen nicht etwa überflüssiger Ballast im Zellhaushalt, sondern lebenswichtige Anregungsstoffe, "Biokatalysatoren" sind. Sicherlich ist der Mensch nicht mit chemischen Formeln zu begreifen, bestimmt bedarf er zur Erhaltung seiner Gesundheit und zur Wiederherstellung verbrauchter Kräfte nicht nur bestimmter Mineralstoffe oder gar bestimmter Medikamente.