Von Peter Johannsen

Im Herbst nehmen die Genießer Ferien. Wenn der Laubwald sich verfärbt, wenn tagsüber die Sonne daraus Feuerzauber macht, der Wanderer sich für die frühen, kühlen Abende aber schon auf das Kaminfeuer oder einen Kachelofen freut – wohin fährt dann, wer Zeit hat?

Ich weiß einen Platz für Schwärmer, den ich fast vergessen hatte: Burg Lauenstein im Frankenwald. Fuhr man früher mit dem Wagen von Berlin nach München und mied man die Autobahn, dann legte man zwischen Probstzella und Ludwigsstadt Kaffeerast auf Burg Lauenstein ein. In fünf alpinen Kehren zog der Wagen hoch mit 15 v. H. Steigung. Droben lohnte ein Blick auf das Loquitztal, in Wälder, die Thüringen mit Franken verbinden.

Fuhr man mit dem D-Zug von Berlin nach München – zwischen Jena und Saalfeld begann das Mittagessen –, dann war die Fahrt durch das Loquitztal genauso genußvoll. In Probstzella wurde bis Lichtenfels eine zweite Lokomotive angehängt. Sie schob den Zug über den Kamm des Mittelgebirges. Bis zum Rennsteig hinauf bei Steinbach am Walde – von wo alle Wasser südwärts über den Main in den Rhein fließen, nordwärts zur Elbe –, da gab es so viele Windungen der Schienen und große Steigungen, daß man den Wald und die Weiden, Falkenstein, das Brauereigut am Fuße des Lauenstein, Spaziergänger und Rehrudel aus dem D-Zugfenster eingehend beobachten konnte.

Heute fährt der Interzonenzug elektrisch, ohne die zweite Lokomotive. Von Norden bringt dieser Zug keine Besucher mehr hierher. Bei Falkenstein ist "der Westen" zu Ende. Hundert Züge passierten einst täglich diese Strecke. Heute sind es vier Paare. Wer in den fast unbekannt gewordenen Winkel will, der kommt von Süden: aus Richtung Nürnberg oder Würzburg über Bamberg, Kronach, Ludwigsstadt mit der Bahn bis zum Dorf Lauenstein. Wer mit dem Wagen anreist, findet auf der Bundesstraße 85 ein Schild: "50 Kilometer bis zu der beliebten Sommerfrische Falkenstein." Sie liegt drei Kilometer nördlich von Lauenstein. Dort ist dann die Straße nach Berlin verbarrikadiert. Hinter der weiß-olivgrünen Barriere, die sich niemals hebt, wachsen als Unkraut Sträucher aus dem frostzersprungenen Asphalt. Teils als Draht, teils als umgepflügter "Zehnmeter-Streifen" zieht sich die Zonengrenze zwischen Thüringen und Bayern unübersehbar im Zickzack durch die Wälder.

Burg Lauenstein ist auf diese Weise von jenen Landschaften getrennt, deren Bewohner – deutscher Südsehnsucht folgend – früher vorwiegend aus nördlicheren Breiten hier einkehrten: aus Thüringen, aus Sachsen, aus Berlin und Brandenburg. Auch der Burgretter Dr. Meßmer kam aus Halle. Der Eugen Diederichs-Verlag aus Jena hielt seine Autorentagungen oft auf der Burg ab. Als die Jugendbewegung auf den Hohen Meißner und andere Berggipfel zog, trug Theodor Heuss den Dichter Walter von Molo auf seinen Schultern durch den Lauensteiner Burghof. Während Berlin im zweiten Weltkrieg ein Wespennest geworden war, siedelte Admiral Canaris mit seinem Abwehrstab nach Lauenstein über. Als der "Hochverräter", ein Köfferchen in der Hand, aus der Burg abgeführt wurde, gab ihm keiner der SS-Führer, die eingezogen waren, mehr die Hand. Aber auch sie vergaßen hier die Zeit und den Krieg. Die Amerikaner standen schon auf den Höhen gegenüber der Burg. Da endlich zog die SS ab. (Wie jede richtige Ritterburg hat der Lauenstein einen unterirdischen Ausgang, der über ein geheimes Treppensystem von jedem Zimmer aus erreichbar ist.) Die Amerikaner gaben keinen Schuß ab. Warum eigentlich nicht? – fragte den amerikanischen Kommandanten später der Burgbesitzer. – "Wir wußten doch, was wir hier finden." – Mit den Akten, die auf Burg Lauenstein den Siegern in die Hände fielen, wurde zu einem wesentlichen Teil der Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß bestritten. – Vor einigen Jahren ließ sich dann Helmut Käutner mit seinem Aufnahmestab hier oben nieder und drehte den Film über innerdeutsche Grenznot "Himmel ohne Sterne".

Heute erwartet den Wanderer durch herbstliche Wälder auf mittelalterlichen Burg ein Wohnidyll. Etwa 50 Gäste kann die Burg aufnehmen. Von den "Vertretern", Handlungsreisenden, die in Ludwigsstadt oder sonstwo zu tun haben, sagt wohl mancher, wenn er die Burgzimmer auf Schlafmöglichkeit prüft, erschreckt: Nein, bitte ein Zimmer im Hotel. Das gibt es auch. Ein Zorbau der Burganlage ist komfortabel eingerichtet. Aussichtsterrassen bewirten große Gesellschaften, die Betriebsfeiern veranstalten. Reisegesellschaften halten Kaffeetafel. Auch die Speisekarte und der Weinkeller sind gut.