Labours Parteitag: Gaitskell noch nie so unangefochten – Die linke Linke ohne Führer

London, im Oktober

Die britische Labour Party hatte ihren Jahreskongreß in Scarborough Anfang letzter Woche recht mißmutig begonnen. Als aber die Delegierten Ende der Woche wieder auseinandergingen, stand das Stimmungsbarometer auf "ungetrübt heiter".

Während des ganzen Parteitages fiel kein einziges böses Wort. Jene schrillen Töne blieben aus, die sonst die Labour-Kongresse zu kennzeichnen pflegten, wenn sich Links und Rechts, Gewerkschaftler und Intellektuelle, Mittelstandsvertreter und Angehörige der Arbeiterklasse mit viel Geschrei in die Haare gerieten. Diesmal war alles holde Eintracht, eitel Beredsamkeit und lauter Sonnenschein. Einige Delegierte nahmen sogar die Überzeugung mit nach Hause, daß die Sozialisten die nächste Wahl gewinnen würden.

Freilich zerbricht sich mancher Beobachter vergebens den Kopf darüber, was der Parteitag denn eigentlich an neuen politischen Programmpunkten aufgestellt haben soll – an Programmpunkten, die jene Wähler, die bisher noch unentschlossen zwischen den beiden großen Parteien schwanken, dazu veranlassen könnten, ihr Heil auf der Seite der Labour Party zu suchen. Denn während der ganzen Woche ist in Scarborough kein Wort gefallen, dessen Überzeugungskraft so unwiderstehlich wäre, daß es die Zögerer jubelnd an die Wahlurnen treiben könnte.

In der Hauptsache beschäftigte sich der Parteitag mit der Ausarbeitung des offiziellen Labour-Programms für das Erziehungswesen, die Wirtschaft und die Landwirtschaft. Da waren kühne Worte zu hören: über die Notwendigkeit, die skandalös großen Schulklassen zu verkleinern und die Slum-Schulen abzureißen, über die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion und die Wiederbelebung der "stagnierenden" britischen Wirtschaft. Aber es läßt sich kaum behaupten, daß bei all dem etwas Aufregendes oder auch nur Anregendes herausgekommen sei.

Ein Labour-Mann sagte von dem Landwirtschaftsprogramm, es sei "etwa so revolutionär wie Großvaters alter Ohrensessel". Der Vorschlag, die Privatschulen abzuschaffen und in das öffentliche Schulsystem einzugliedern, wurde abgelehnt, und in puncto Wirtschaft waren die Redner vor allen Dingen bestrebt, bei den Delegierten (und bei den ausländischen Finanzmagnaten) um Himmels willen keine Zweifel daran aufkommen zu lassen, daß die Labour Party um die Stabilität des Pfundes nicht minder besorgt ist als jeder Tory-Bankier.