RH-Hamburg

In Hamburg fand die "Erste chinesische Modenschau" statt. Die Hamburgerinnen drängten sich im engen Eingang des China-Restaurants, warteten geduldig, zahlten zwei Mark Eintritt und erkämpften sich einen Platz.

Was zog sie hierher? Wollten sie sehen, wie die Damen im politisch gerade so aktuellen China sich kleiden? Oder hatte Frau Meier schon lange den geheimen Wunsch im Herzen, sich als Chinesin zu verkleiden?

Herr Ling, der Wirt, begrüßte die Gäste freundlich auf deutsch. Das klang schon reizend chinesisch. Er sagte, es sei so schwierig, über das chinesische Leben allgemein zu sprechen, darum wolle man einmal Kleider zeigen.

Klarer wurde der Beweggrund schon, sah man ins gedruckte Programm. Dort stand hinter der Beschreibung von Schlafanzügen und Morgenröcken, Kleidern, Jacken und Mänteln zu lesen, was sie in Deutscher Mark kosten.

Nachdem die Gäste diesen Prospekt und die Speisekarte ausgiebig studiert, sich vielleicht auch eine "Frühlingsrolle" und grünen Tee bestellt hatten, ließ das erste Mannequin nicht lange auf sich warten. Nach einer Weile kam ein zweites. Beide waren Deutsche.

Das war nicht ungeschickt. Hätte Frau Meier, die immer Große 48 trägt, eine zierliche Dame aus China im bonbonrosa Jäckchen und schwarzer Seidenhose erblickt, wären ihr vielleicht Zweifel gekommen, ob ihr selbst das wohl stehen würde. Natürlich waren die Mannequins schmal, wie es zu ihrem Beruf gehört. Aber Frau Meier ist an den Anblick schlanker europäischer Mannequins gewöhnt, und die Übersetzung in ihre eigenen Maße ist schon Routine.