Gewissensnöte bedeuten für aufrechte Naturen Folterqualen. Das zeigt sich besonders, wenn ein Mensch vor Gericht gezwungen wird, als Zeuge seinen Freund zu verraten. Freundschaft begründet nämlich kein Recht auf Zeugnisverweigerung. Das mag unbefriedigend anmuten, zumal wenn man bedenkt, daß sehr weitläufige Verwandte die Aussage verweigern können: zum Beispiel sogar die geschiedene Schwägerin.

Hier klafft eine gefährliche Lücke in unserem Gesetzeswerk. Denn das Zeugnisverweigerungsrecht ist zu sehr schematisiert und gibt dem Richter nur in wenigen Ausnahmefällen die Möglichkeit, eine goldene Brücke der Gerechtigkeit zu bauen. Dabei ist es leider auch noch unterschiedlich, ob der Zeuge in einem Zivilprozeß oder in einem Straf verfahren vernommen wird.

So wird dem guten Freund im zivilrechtlichen Verfahren die Chance gewährt, seine belastende Aussage zu verweigern, wenn er dadurch selber einen vermögensrechtlichen Schaden erleiden könnte oder wenn ihm seine Aussage zur Unehre gereichen würde. Ferner braucht ein Kunst- oder Gewerbegeheimnis durch den Zeugen nicht preisgegeben zu werden. Schließlich braucht sich niemand der Gefahr einer strafrechtlichen Verfolgung auszusetzen und kann deshalb das Zeugnis verweigern.

Diese wenig sympathischen Hilfsmittel können nur in Einzelfällen dazu verwendet werden, dem Zeugen einen gerichtlich erzwungenen Freundesverrat zu ersparen. So ist es durchaus möglich, daß ein Zeuge erklärt, sein Freund habe sich ihm in seiner Gewissensnot anvertraut, um Erleichterung und zugleich den rechten Weg aus der Verirrung zu finden. Das geschieht nicht selten bei ehelichen Zerwürfnissen, die zu ehelichem Treuebruch geführt haben, außerdem auch bei wirtschaftlichen Rechtsbrüchen steuerlicher oder handelsrechtlicher Art.

Hier müßte unser unzulängliches Gesetz eine Bestimmung schaffen, die es dem Richter ermöglicht, Freundesverrat durch Zeugenaussage abzuwenden, besonders wenn durch die Aussage positive Ergebnisse vernichtet würden. Das dem Arzt, Anwalt und Geistlichen zustehende Berufsgeheimnis, das durch Zeugnisverweigerung besonders geschützt ist, müßte auch dem Freund zugebilligt werden.

Natürlich kann das nicht allgemein und schematisch geschehen, weil sich dann jeder auf angebliche Freundschaft berufen und sich um eine notwendige Aussage allzu bequem drücken könnte. Jedoch läßt sich eine Regelung finden, die eine klare Linie schafft, wann das Zeugnis wegen Freundschaft verweigert werden kann oder nicht. Vorläufig könnte ein hilfsbereiter Richter einen Ausweg finden, wenn er anerkennen wollte, daß der Freundesverrat dem Zeugen zur Unehre gereichte, weil die Preisgabe des Freundesgeheimnisses auf jeden Fall ehrlos wäre.

Immerhin sollten doch gerade die Gerichte (wie die weiteren Organe der Rechtspflege) dazu berufen sein, den Schutz der Ehre wahren zu helfen, Gewissensnöte zumindest zu mildern und Falschaussagen aus Gewissenzwang abzuwenden. Wer wollte den treuen Freund moralisch verurteilen, der aus innerer Verpflichtung heraus die falsche Aussage macht, daß er nichts wisse – nur um nicht abgewendetes Unheil neu entstehen zu lassen! Der Richter müßte den treuen Freund jedoch wegen Falschaussage oder sogar wegen Meineides bestrafen, eben weil er verheimlicht hat, was er wußte.