Vor der "Mafia" hat noch jeder kapituliert

Von Azio de Franciscis

Rom, im Oktober

Die Bewohner Siziliens seufzen unter dem Terror der Mafia. Die Verbrecher-Organisationen, die mit diesem Namen bezeichnet werden, haben in den letzten Wochen eine ganze Serie grausiger Morde verübt. Auf dem belebten Corso einer Provinzstadt kam es sogar zu einem Feuergefecht zwischen zwei rivalisierenden Banden: Drei Männer wurden getötet, mehrere Frauen und Kinder schwer verletzt. Die Mafia hemmt ferner durch systematische Erpressungen die wirtschaftliche Entwicklung der Insel. Und die steuerlichen Vorteile, die der Staat ausländischen und einheimischen Industrieunternehmen! bei der Gründung von Betrieben in Sizilien gewährt, werden in vielen Fällen durch "Tribute" zunichte gemacht, die ihnen von der Mafia auferlegt werden.

Im Dreieck Palermo-Agrigent-Trapani, in dem diese Landplage am schlimmsten ist, sind Polizeimaßnahmen im Gang. Der sozialdemokratische Führer Saragat hat die Sizilianer aufgerufen, sie sollten helfen, damit dies Krebsübel ausgerottet werde. Aber Kenner der Verhältnisse sind und bleiben zweiflerisch. Sie wissen, daß dieses in Europa einzigartige kriminalistische Phänomen der Mafia geschichtliche, soziale und politische Wurzeln hat.

Einst war sie ganz ehrenwert

Ursprünglich war die "Mafia" eine ehrenwerte Gesellschaft. Sie wurde während der Herrschaft der spanischen Bourbonen vor anderthalb Jahrhunderten von sizilianischen Notabeln gegründet und war ein patriotischer Schutzbund gegen die Willkür der Statthalter der in Neapel residierenden Könige des "Reiches beider Sizilien". Noch 1917 bekannte der italienische Ministerpräsident Orlando mit Stolz, daß er ein "Mafioso", ein Anhänger der Mafia sei. Von ihm stammt auch die Definition: "Die Mafia ist ein Phänomen der sozialen Kristallisation, dessen Grundlage die Gebräuche, und Traditionen der sarazenischen, ritterlichen und feudalen Vergangenheit der Insel sind."