Entschuldigt, Genossen, daß ich heute keine theoretischen Probleme behandele, sondern über sehr praktische Fragen spreche, nämlich carüber, wie im Geiste des Sozialistischen Aufbaues die Massenarbeit der gesamten Jugend und aller Kinder durchgeführt wird", so begann Walter Ulbricht vor dem FDJ-Aktiv Berlin seine Rede und wandte sich dann der folgenden praktischen Frage zu.

"Ich sage ganz offen", sprach Ulbricht, "wir sind mit der Arbeit der Pionierorganisation in den Schulen noch nicht ganz zufrieden. Die Arbeit ist viel zu eng. Statt mit der ganzen Masse der Kinder zu arbeiten und regelmäßig mit allen Kindern auf die Sportplätze zu gehen, sitzt eine ganze Reihe von Pionierleitern soviel in Besprechungen, daß ihnen die notwendige Beweglichkeit fehlt, um auf dem Gebiet des Sportes vorbildlich zu sein. Das muß man ändern. Wir begrüßen es, daß die Berliner Pioniere und Schüler jetzt einen Wettbewerb im Drachenbau organisert haben; daß sie die Losung ausgegeben haben: Der Sputnik III fliegt 1800 km hoch, die Pioniere werden ihn begrüßen. Das ist eine gute Idee."

"Das heißt also", so übersetzt der Redner selbst seine unverständliche Verlautbarung, "die Pioniere und Kinder der DDR lassen ihre Drachen steigen."

Nun ist es sogar in der Bundesrepublik, wo Kinder Kinder und keine Pioniere sind, üblich, in Herbst Drachen steigen zu lassen. Und wie aus Ulbrichts Rede weiter hervorgeht, erwarten auch in der Ostzone die Kinder keine staatliche Aufforderung zu diesem Vergnügen. Aber gerade das ist es, was dem Ersten Sekretär Sorge bereitet: "Früher war das selbstverständlich, daß wir im Herbst Drachen steigen ließen und Wettstreite durchführten. Bis jetzt aber kümmerten sich die Pionierleiter nicht um diese Frage, obwohl alle Kinder mit Begeisterung beim Drachensteigen sind ..."

In Zukunft werden also in Ulbrichts Kinderparadies die Drachen nur noch auf Befehl steigen, und das wird wohl das Ende dieses Vergnügens sein. Den Freuden der Erwachsenen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit erging es im Arbeiter- und Bauernparadies nicht anders, auch sie fielen der Organisation zum Opfer.

Ruth Herrmann