Von Andreas Sattler

Es ist mir leider nicht gegeben, mich über die junge Generation aufzuregen. Wenn ich die jungen Männer sehe, die im Zorn zurückblicken, die Bilderstürmer und die Wildlinge, ob sie nun Kinositze zerschneiden oder Nobelpreisträger anstänkern – ich kann mir nicht helfen, ich habe dabei immer nur das Gefühl: "Dich kenn’ ich doch, du hast der Witwe Bolte die Hühner stibitzt." Die Ahnen dieser zornigen jungen Herren sind Max und Moritz.

Mit anderen Worten: Jedes Zeitalter hält den Konflikt zwischen jung und alt, zwischen Vätern und Söhnen, für ein aktuelles Problem, während er doch eine zeitlose Erscheinung ist wie Masern. Es handelt sich auch gar nicht darum, ob diese Jugend recht hat; vielleicht hat sie recht; sie ist oft genug hereingelegt worden, mißbraucht für die Ideale des Teufels. Sie soll, wenn sie sich nicht anders zu helfen weiß, in Teufels Namen auch Krawall schlagen – nur eines soll sie nicht: sie soll sich nicht einbilden, daß sie etwas Neues sagt. Und sie soll es besser sagen.

Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, daß sich besser, plastischer sagen ließe, was ein siebenunddreißigjähriger Pariser von dem liebevollen Vater erzählt, der an einem mißratenen Sohn leidet:

Jacques Perry: "Der schöne Teufel"; Marion von Schröder Verlag, Hamburg; 268 S., 14,80 DM.

Was dem Roman die Substanz und dem Problem die Schärfe nimmt, ist dies: Der Sohn ist gar nicht richtig mißraten, er ist kein "Ungeheuer", wie ihn die sterbende Mutter, und kein "Teufel", wie ihn der (wenig glückliche) deutsche Titel nennt, und nicht einmal ein "schwarzes Schaf", wie er im Original heißt – sondern nur ein Schaf. Ein dummer Junge, der den gleichen Unfug anstellt wie sie alle, wie wir alle ihn angestellt haben: schwänzt, lügt, klaut, schlechte Gewohnheiten annimmt und schließlich durchbrennt. Der Vater vergöttert ihn, weil kein Vater glauben will, daß sein Sohn ein Tunichtgut sein könnte; mit der Liebe, denkt er, wird alles zu machen sein, was genauso falsch ist wie die alleinseligmachende Strenge, um so mehr, als die Vaterliebe in diesem Buch etwas merkwürdig Lyrisches, jungmädchenhaft Säuselndes hat. Alles bleibt in unsicherer Schwebe.

Ein hübsches Buch, das am Wegrand flötet, wo die Zornigen vorüberpoltern; es erinnert an die Tintenfläschchen, auf denen steht: "Fließt bläulich". Der Autor züchtet Lavendel in der Dordogne. Etwas von diesem Duft ist da. Im übrigen wird unsere Zeit – wie jede Zeit – warten müssen, bis ihre junge Generation die Masern hinter sich hat. Aber Lavendelduft ist gut in einem Krankenzimmer.