Hierzulande gibt es viele Stimmen, die den Amerikanern eine realistische Einstellung zur chinesischen Frage dringend anempfehlen. Hierzulande gibt es wenige Stimmen, die den Deutschen eine realistische Einstellung zur deutschen Frage dringend anempfehlen.

Die Vernunft in der Politik wächst, so scheint es, mit der geographischen Entfernung. Es hält nicht schwer, nüchternen Sinn an den Tag zu legen, wenn die Emotionen, wenn die Schmerzen und die Leidenschaften nicht mit im Spiele sind.

Gewiß ist China, wenn dort die "Völker aufeinander schlagen", heute für uns näher als es vor 200 Jahren die Türkei war – doch bleibt die Distanz so groß, daß weder langgehegte Illusionen noch trügerische Wunschvorstellungen das politische Denken vernebeln können.

Als dieser Tage in Berlin, der alten Hauptstadt, der Deutsche Bundestag seine Sitzung inmitten des Landes, das heute kommunistisch und dennoch deutsch ist, beendet hatte, als die Reden und Proklamationen in alle Welt verhallt waren, da zitierte in London die "Times" die Bemerkung eines ungenannten "Beobachters". Er soll, mit Anspielung auf die Abgeordneten, gesagt haben: "Alles, was Sie getan haben, ist, daß Sie einen Kranz auf das Grab der deutschen Einheit gelegt haben."

Dieser maliziöse Satz will doch wohl andeuten, daß jene, die den Kranz legten, auch mithalfen, das Grab zu schaufeln. Ließen sich die Absicht und das Bemühen der Bonner Politiker, die jetzt für wenige Tage in Berlin weilten, gründlicher mißverstehen, als dieser "Beobachter" es tat, und als noch manche andere es tun, die die Frage der Wiedervereinigung zu billigem Stimmenfang benutzen und aus. der Sehnsucht eines Volkes unredliches Kapital zu schlagen suchen?

Angesichts der Fluchtwelle, die gerade in diesen Wochen – trotz aller Sperren und Erschwerungen – aufs neue gewaltig hochgebrandet ist, hat der Bundestag in Berlin ein sehr deutliches Bekenntnis zum ganzen Deutschland abgelegt, ein Bekenntnis, das gewiß nicht nur in Moskau gehört worden ist. Ulbrichts Regime ist gerade durch die Flucht der Intellektuellen, denen das Regime viele Lippenbekenntnisse widmete, diskreditiert wie nie zuvor. Es ist aber offenkundig, daß es im Interesse der Sowjets nicht liegen kann, wenn an den Grenzen ihres Machtbereichs auch weiterhin eine mächtige Brandung an die Gestade des Westens schlägt.

Aus zweierlei Motiven muß der Kreml versuchen, jenen für den roten Block so verhängnisvollen Abwanderungsstrom einzudämmen. Erstens aus Gründen des politischen und ideologischen Prestiges, und zweitens, weil die Zone auf diese Weise jener "technischen Intelligenz" beraubt wird, die mithilft, die "DDR" zu einem der wichtigsten Wirtschaftslieferanten für den Ostblock zu machen.