Seit Montagmorgen schweigen in der Straße von Formosa die rotchinesischen Kanonen, und unbehindert landen Tschiang Kai-scheks Versorgungsschiffe auf den Inseln Quemoy und Matsu. Sieben Wochen lang hatten diese winzigen Eilande unter dem erbarmungslosen Trommelfeuer von Maos Artillerie gelegen, die aus viertausend Rohren vierhunderttausend Granaten gegen die Bastionen der Nationalchinesen verschoß.

Auf acht Tage, so hat Peking wissen lassen, ist die Feuereinstellung befristet. Eine Woche Feuerpause: Nun, da die Geschütze verstummt sind, vermögen die Diplomaten deutlicher zu reden.

Manche meinen freilich, es sei vielleicht alles nur eine Kunstpause, ein Trick Rotchinas, das seine Fukien-Armee lediglich mit neuen Geschützläufen ausstatten und ihre Munitionsdepots in Ruhe wieder auffüllen wolle. Und daß der greise Generalissimus in Taipeh das Verhandlungsangebot Pekings keiner Antwort würdigen werde, das stand schon zu Beginn der Woche fest.

Dennoch erscheint es kaum denkbar, daß jener Entspannungsprozeß in Fernost, der sich in den letzten Tagen abzuzeichnen begann, jäh wieder in den kleinen Schießkrieg der vergangenen Monate umschlagen könnte – oder gar in den großen, vor dem die Welt im August und September erzitterte. Die Szene hat sich grundlegend gewandelt, seit die Vereinigten Staaten in der vorigen Woche das Ruder ihrer Ostasien-Politik unversehens herumwarfen.

Den ersten Testballon ließ der Unterstaatssekretär im State Department, Christian Herter, steigen, als er – allen bisherigen offiziellen Bekundungen widersprechend – die starre Anhänglichkeit Tschiangs an die militärisch nicht zu verteidigenden Küsteninseln "nahezu pathologisch" nannte. Dann trat Außenminister Dulles vor die Presse und machte über alle Zweifel deutlich, daß er ein neues Kapitel der amerikanischen Formosa-Politik aufzuschlagen gedenke. Es sei töricht von Tschiang Kai-schek gewesen, ein Drittel seiner Truppen auf Quemoy zu massieren, erklärte er, und fuhr fort, die Vereinigten Staaten würden den Abzug dieser Garnison begrüßen, falls es zu einer Feuereinstellung käme, sei es auch nur de facto.

Im übrigen, so stellte Dulles klar, müsse ein Verzicht auf Gewaltanwendung gewiß auch von Tschiang ausgesprochen werden, wenn es zu einer Befriedung in der Formosa-Straße kommen solle, und ohnehin sei eine Rückkehr des Generalissimus auf das Festland eine sehr fragliche Sache. Fraglich erscheint Dulles selbst, daß Tschiang in Kontinental-China ans Ruder käme, wenn dort eine Revolution ausbrechen sollte...

Das waren ganz neue Töne, und sie wurden denn auch nirgends so schmerzlich aufgenommen wie auf Formosa. Tatsache ist indessen, daß die Weltmacht Amerika im Begriff steht, jenes gefährliche Leitseil abzustreifen, das ihr der eigenwillige Verbündete in Taipeh um den Nacken gelegt hatte. Es ist ein Sieg der politischen Vernunft und des nüchternen Sinnes, der sich vor den Realitäten nicht verschließt. Tschiang Kai-schek, den die Regierung Eisenhower zu Beginn des Jahres 1953 "entfesselt" hatte, liegt wieder an der Leine.