Fünfzig asiatische und afrikanische Studenten gaben in der Evangelischen Akademie Arnoldshain ihre Eindrücke von einem längeren Leben in der Bundesrepublik zum besten. Was dabei herauskam, verdient schon unser Interesse. Es kann niemals schaden, wenn der Mensch – auch und besonders der Mensch im Plural – zu hören bekommt, wie sein Wesen und Treiben sich in den Augen andersgearteter Mitmenschen ausnimmt.

Wir legen doch wohl im großen und ganzen immer noch Wert darauf, für besonders gemütvoll gehalten zu werden. Das Wort "Gemütlichkeit" ist schließlich nicht ohne Grund als unübersetzbar direkt in andere Sprachen übergegangen. Gerade das aber bestritten die jungen Inder, Ägypter, Perser und Türken sehr energisch. Nach ihren ziemlich übereinstimmenden Aussagen vermißten sie – natürlich "im allgemeinen", Ausnahmen zugebilligt – in Deutschland Sinn für Beschaulichkeit, Muße und Sammlung; sie meinten, viele Leute existierten hier als Maschinen ("sie tanken sogar beim Essen wie Maschinen"), viele Frauen ließen ohne Not und Zwang ihre Kinder ohne richtige mütterliche Obhut, um aus Gier nach Luxus dem Geldverdienst nachzujagen; die meisten Menschen wüßten mit sich selbst nichts anzufangen und langweilten sich in ihrer Freizeit, wenn sie sich nicht geräuschvoll zerstreuen könnten; die Deutschen lebten mechanisiert und "zu wenig menschlich". Völlig widersinnig fanden die ausländischen Beobachter den bei uns schon zur Gewohnheit gewordenen holprigen Lebensrhythmus: monatelanges Arbeitsübermaß, um einmal im Jahr für drei oder vier Wochen eine noble Reise zu machen.

Aber die Exoten, denen unsere Daseinsform nachahmenswert erscheint, betonen andererseits, daß sie sehr wohl unsere Tüchtigkeit, unsere Leistung bewundern – nur eben nicht die Agilität und die Rationalisierung um jeden Preis vor allem um den Preis des Menschlichen.

Es ist noch lange nicht heraus, wer wen am Ende überdauern wird: der mechanisch funktionierende Roboter den Nabelbeschauer oder umgekehrt. Auf jeden Fall sollten wir freundlich und teilnehmend kritisierende Stimmen wie diese nicht gering achten! Horcher