Die jetzt schon sehr lange andauernde Hausse auf dem deutschen Aktienmarkt läßt sich in ihrem Ausmaß mit einigen Abstrichen durchaus rechtfertigen. Sie ist sowohl eine Folge der auf Zinssenkung abgestellten Notenbankpolitik, der die verminderte Investitionsneigung auf der einen Seite und die vermehrte Spartätigkeit auf der anderen Seite entgegenkam, als auch das Produkt einiger gesetzgeberischer Maßnahmen, vor allem der Körperschaftsteuersenkung und der in Aussicht stehenden Möglichkeit, aus den versteuerten Reserven Aktien zu verteilen. Den genannten Faktoren ist jetzt offensichtlich zum größten Teil Rechnung getragen. Aber damit ist die Hausse noch nicht beendet. Sie geht ihren eigenen Weg.

Das Interesse des Publikums für die Börse ist stets in der Hausse am größten. Jeder möhte mitverdienen – und so steigern sich die Käufe bei einem ohnehin schon engen Markt. Kräftige Kurssteigerungen sind die Folge. Ob sie geteilt-, fertigt sind, zeigt sich erst, wenn die gewinnmitnehmende Spekulation den Markt mit Material zu überschwemmen beginnt. Das war zeitweise in der abgelaufenen Woche bei den großen internationalen Werten der Fall, wo es in einigen Werten sehr rasch zu Kursrückschlägen von 10 und noch mehr Punkten kam. Doch die Mäikte bestanden ihre Bewährungsprobe. Auf der ermäßigten Basis setzten Rückkäufe ein, an denen sich auch die Investment-Gesellschaften beteiligten, die dank des guten Absatzes an Zertifikaten immer mehr Material aus dem Markt nehmen müssen.

Diese Marktsituation nutzen die Haussiers natürlich weidlich aus. Sie finden immer neue Argumente, mit denen sie zu beweisen versuchen, daß die Aufwärtsbewegung noch sehr lange weitergehen wird. Die Bank für Gemeinwirtschaft in Hamburg hat eines der neu aufgetauchten Schlagworte zur Verteidigung der Hausse in ihrem letzten Börsenbericht aufgegriffen, ohne sich allerdings selbst damit zu identifizieren. Es lautet: Nach dem ungeschriebenen Gesetz der Renditeentwicklung der letzten Jahre liegt die Aktienrendite etwa ein Prozent unter dem Rentenzins. Wenn also bei einem Rentenzins von 5 1/2 bis 5 v. H. heute eine Aktienrendite Von nur noch 4 v. H. als angemessen angesehen würde, müßte eine zwölfprozentige Aktie auf der Basis von 300 v. H. notiert werden. In die Börsenpraxis übersetzt würde das bedeuten, daß beispielsweise die Großbank-Aktien, bei denen mit ziemlicher Sicherheit eine Dividende von 14 v. H. erwartet werden kann, noch auf 350 v. H. steigen könnten, ohne daß sich hier von einem Risiko sprechen ließe.

Die klassische Formel, nach der die Rendite auf dem Aktienmarkt wegen des dort bestehenden höheren Risikos über der des Rentenmarktes zu liegen hat, wird allerdings auf den Kopf gestellt. Nach zwei Geldabwertungen, die besonders den-Rentenmarkt trafen, ist es verständlich, wenn der deutsche Sparer die festverzinslichen Werte nicht mit dem gleichen Vertrauen behandelt, das ihnen in anderen Ländern entgegengebracht wird; aber die Dinge geradezu ins Gegenteil zu verkehren, ist doch nun wirklich sehr problematisch.

Ernsthafter zu prüfen ist dagegen die Möglichkeit, ob der Zins, der sich zur Zeit bei etwa 5 bis 5 1/2 v. H. zu stabilisieren scheint, nicht doch noch eine weitere Verminderung erfährt, und von dieser Seite her dem Aktienmarkt neuer Auftrieb gegeben wird. Zwei Auffassungen stehen sich in dieser Frage gegenüber. Einmal ist da die Erklärung des Zentralen Bankenausschuß, der – um die abwartende Haltung der Emittenten zu beenden – den Schluß der jetzigen Zinssenkungstendenz verkündet hat; zum anderen besteht die Bundesbank auf ihrer These, nach der der Tiefpunkt noch keineswegs erreicht ist. Die Bundesbank wünscht einen weiteren Rückgang, um den deutschen Kapitalmarkt für ausländische Kapitalsuchende attraktiver zu machen. Auf diese Weise soll die Kopflastigkeit der deutschen Devisenbilanz gemildert werden können.

Bezeichnend ist, daß die Bundesbank auch in ihrem September-Bericht darauf verzichtet, vor überhöhten Aktienkursen zu warnen. Sie stimmt offensichtlich mit den meisten Bankexperten überein, die grundsätzlich das gegenwärtige Niveau für gesund halten, jedoch mehr und mehr vor Übertreibungen warnen. Die Folge ist, daß sich die Tauschoperationen mehren, die zugunsten der Montane und zu Lasten der Elektro- und IG-Farben-Werte vorgenommen werden. Damit ist nicht gesagt, daß hier die Hausse nunmehr beendet ist. Für die Ausländer sind diese Papiere nach wie vor kaufenswert, und zwar von der Rendite her. Gehen wir einmal davon aus, daß die IG-Farben-Nachfolger in der Lage und bereit sein werden, ihre Dividenden "bescheiden" auf 12 v. H. zu erhöhen, dann errechnet sich bei den jetzigen Kursen eine Rendite von rund 4 v. H. Für deutsche Verhältnisse nicht besonders reizvoll, solange man gute Papiere kaufen kann, die um 5 v. H. bringen, auch wenn sie international weniger bekannte Namen tragen. Aber berücksichtigt man, daß erstklassige Chemie-Papiere der Schweiz nur eine Rendite von 2 bis 2 1/2 v. H. einbringen, dann kann man begreifen, warum Schweizer Finanzkreise sich nicht scheuen, zu den jetzigen IG-Farben-Kursen noch einzusteigen.

Aber die Hausse wird in diesen Tagen nicht nur von Renditegesichtspunkten untermauert. Der immer noch nicht abgeschlossene Konzentrationsprozeß in unserer Wirtschaft drückt sich neuerdings verstärkt in "Abrundungskäufen" aus. Ob sie jedoch tatsächlich überall dort vorgenommen werden, wo die Börse sie vermutet, mag dahingestellt bleiben. Sicher ist, daß Kursgewinne von 100 Punkten und mehr in einer Woche (beim Stahlwerk Südwestfalen) die Aufmerksamkeit des Publikums und vielleicht auch. den Wunsch wecken, an den "Segnungen" der Hausse teilhaben zu wollen. Kurt Wendt