In dem Almanach des Berliner Presseballes von 1930, in dem unter dem Titel „So sehen wir aus“ eine Reihe der bekanntesten Journalisten der alten Reichshauptstadt über ihr Arbeitsgebiet plauderten (und sich zugleich im Bilde vorstellten), befand sich auch das Photo einer sehr eleganten und überaus jugendlich wirkenden Endfünfzigerin in großer Balltoilette, die man übrigens am Ballabend selbst auch in natura bewundern konnte. Unter dem Porträt standen die Worte: „Wer mit der Jugend mitgeht, geht auch mit der Mode mit.“ Als Elsa Herzog, die für sich den Ruhm in Anspruch nehmen kann, Deutschlands erste Mode-Redakteurin gewesen zu sein, diesen knappen Satz niederschrieb, wird ihr kaum der Gedanke gekommen sein, daß sie als über Achtzigjährige immer noch die neuesten Schöpfungen der internationalen Haute Couture mit kritischen Worten der interessierten Öffentlichkeit vorstellen würde. Aber ihr Leben mit der Jugend und mit der Mode hat auch sie so jung erhalten. Kürzlich gab sie den Schülern der Meisterschule für Mode der Freien und Hansestadt Hamburg in einem lebendigen Vortrag manche Anregung.

Wenn die Zeitungen und Zeitschriften der Mode-Berichterstattung immer wieder Raum gewähren, so tun sie es nicht nur, um den Frauen unter ihren Lesern einen angenehmen Unterhaltungsstoff zu bieten, sondern auch, um ihnen Ratschläge zu geben. Ferner haben sie die Bedeutung erkannt, die die Mode heute auch wirtschaftlich besitzt. Denn die großen Schneiderateliers, deren Schöpfungen uns immer wieder in regelmäßigen Abständen gezeigt werden, sind ja nur Aushängeschild für ein gewaltiges Gewerbe, das in Tausenden von Textilbetrieben und Konfektionshäusern den Frauen und Männern Brot und Arbeit gibt.

Was aber wäre die Mode-Industrie ohne Mode-Journalistinnen? Soviel wie der Held, der keinen Dichter findet! Ach, es sind in Else Herzogs Jugend große Kämpfe ausgefochten worden – denken wir nur an den Streit um den Hosenrock oder an die „Los-vom-Korsett-Bewegung!“ Es gab Versammlungen pro und contra, bis der „Simplicissimus“ dem Spuk ein Ende machte, indem er auf seiner Titelseite zwei Damen präsentierte, von denen die eine in ein Reformkleid, die andere in eine übliche, allerdings sehr kleidsame Robe gehüllt war. Und dieser Dialog: „Das Reformkleid ist hygienisch und erhält uns vor allem für die Mutterpflichten.“ – „Solange Sie diesen Fetzen anhaben, meine Liebste, werden Sie wohl kaum dazu die Gelegenheit finden.“

Aber Else Herzog sprach auch davon, daß gerade in der Mode alles einmal wiederkommt. Auch der Türkenrock von heute war schon einmal dernier cri. Und nun lebt diese Mode mit so großer Vergangenheit heute zum vierten Male wieder auf...

Und auch noch etwas anderes Altes ist wieder aufgetaucht: die Chinchilla-Mode. Sie kreierte die letzte deutsche Kaiserin Auguste Viktoria, die trotz der sechs Söhne und der einen Tochter, denen sie das Leben geschenkt hatte, stets bemüht war, schlank und elegant zu bleiben, weil Wilhelm II. es so liebte. Ihre Smaragde zu einer grauen Toilette mit dem herrlichen Chinchillamantel waren weltberühmt. Merkwürdigerweise hatte sie zwei Konkurrentinnen, einmal ihre Schwiegertochter, Kronprinzessin Cäcilie, und zum anderen die Gattin des Berliner Warenhausbesitzers Rudolph Hertzog, eine frühere Schauspielerin, die eine ähnliche Figur wie die Kaiserin hatte. Sie trug denn auch einen ähnlichen Schmuck und eben jenen Chinchilla, der vor fünfzig Jahren als der eleganteste Pelz galt und sich heute wieder anschickt, den Nerz aus dem Felde zu schlagen. In Amerika gibt es bereits viele Züchter, auf deren Farmen die kleinen Chinchilla-Ratten gedeihen. (Ein Mantel kostet 35 000 Dollar, dagegen ist ein Nerz noch billig.)

Die Modeereignisse gewertet und eingeordnet, ja, selbst hie und da ihre Richtung gelenkt zu haben, ist Elsa Herzogs Verdienst. Ihr Wahlspruch heißt noch heute: „Nimmer modern, immer modern.“ Walther F. Kleffel