Wir hätten heuer ein zweites Kärnten brauchen können", sagt Direktor Tischler von der österreichischen Fremdenverkehrswerbung. Ein zweites Kärnten für die Hochsaison und vielleicht auch noch ein zweites Tirol? Immerhin zeichnet sich in der österreichischen Statistik eine Steigerung des Fremdenverkehrs um 20 bis 25 v. H. gegenüber dem Sommer 1957 ab; und 76 v. H. aller Gäste kamen aus der Bundesrepublik und aus Berlin.

Und die Statistiker werden sicher recht haben, denn die Bundesdeutschen sah, und die Berliner hörte man überall zwischen Bregenz und dem Burgenland. "Ick jloobe, et jibt’n Jewitter", meinte mein Landsmann von der Spree in einer Jausenstation am Wörthersee. Das Donnern kam aber nicht vom Gewitter, sondern von den vielen Autos, die hinter der nächsten Kurve über eine Holzbrücke fuhren. Ich zählte seit einer Stunde: 142 österreichische, 41 norddeutsche, 56 süddeutsehe, 31 Wagen aus anderen Ländern. Aber der Wirt meinte, in der Hochsaison käme es kaum vor, daß am Wörthersee mehr einheimische als fremde Wagen unterwegs sind.

Die Wagen rumpelten immer noch über die Brücke, es blieb bei 52 v. H. Österreichern – auch die Wiener hatten grade Schulferien. Das Gewitter kam nicht; Kärnten ist die wettersicherste Ecke Österreichs, eine Warmluftschleuse zwischen Tauern und Karawanken, die wärmsten Seen Mitteleuropas umhegend.

Velden unterscheidet sich von den übrigen Orten am Ufer des Wörthersees dadurch, daß aus der "Metzgerei" ein "Wurstsalon" geworden ist.

Außerdem kostet ein Menü mit drei Gängen – beste österreichische Küche – hier doppelt soviel wie in Klagenfurt oder Villach, nämlich vier statt zwei Mark, – immer noch billiger, als ein vergleichbares Mittagsmahl in vergleichbaren Erholungsorten der Bundesrepublik. Aber es gibt ja nicht nur den Wörthersee, nicht nur dieses Wasserskiparadies und diese internationale Hotellerie mit Spielkasino und Promenaden.

Für den motorisierten Mittelstand aus der Bundesrepublik, für die – reiselustigen, meist sparsamen und kinderreichen Holländer, für alle jene, die man kurz und schlicht als Touristen bezeichnen kann, sind längst auch die kleineren Seen Kärntens entdeckt, die weniger repräsentativ, aber um so friedlicher sind: die drei Keutschacher Seen, der Weißensee, der Faaker- und der Aichwaldsee.

Der Faakersee, der größte dieser Gruppe, vom leicht besteigbaren Mittagskogel überragt, hat drei schöne Campingplätze, denen es weder an Moral noch an Sicherheit gegen Muren und Wildbäche fehlt. In Faak und Umgebung in der Hauptsaison noch ein Zimmer zu finden, ist schon schwer, wenn auch nicht unmöglich; weiter droben in den Karawanken, in den malerischen Nestern nahe der jugoslawischen Grenze, wo die alten Häuslerinnen noch slovenisch sprechen – von Weilern wie Woroutz, Outschena, Wukounig und Samonig kündet kein Reiseprospekt – gibt es noch kaum bekannte Gasthöfe mit aufmerksamer Bedienung und ausgezeichneter Küche, sogar mit "Fließwasser" und unvorstellbar niedrigen Pensionspreisen. Dort oben, in der Stille, meint man nicht, daß Österreich noch ein zweites Kärnten brauchen könnte.