Ein Vergleich der Entwicklungsprogramme beider Länder

Von René Erbe

Cambridge, Mass., Anfang Oktober Wo wohl Indien als auch China haben ihren ersten Fünf jahresplan hinter sich. Indien befindet sich bereits im zweiten Jahr des zweiten Planes, während Chinas zweiter Fünf jahresplan am 1. Januar 1958 angelaufen ist. Es ist interessant und nützlich, den tatsächlichen Entwicklungs-verlauf in den beiden Ländern miteinander zu vergleichen, was heute dank der von verschiedenen amerikanischen Forschungsinstituten geleisteten Arbeiten ohne weiteres möglich ist.

Beide Länder weisen sowohl absolut als auch pro Kopf ein bedeutend höheres Einkommen auf, als in der Zeit vor dem Plan. Man darf annehnen, daß es beiden Regierungen gelungen ist, die Wirtschaft ihres Landes aus dem traditionellen Stagnationszustand herauszubringen und in eine Phase mehr oder weniger rascher wirtschaftlicher Entwicklung zu steuern. Wie nicht anders zu erwarten war, führten auch diese "erfolgreiche" Fünfjahrespläne in mancher Beziehung zu anderen Resultaten, als ursprünglich angenommen und angestrebt wurde. Dies gilt sowohl für die vollkommen zentral geleitete und autoritäre Wirtschaft Chinas als auch für die den Prinzipien des "demokratischen Sozialismus" verpflichtete Wirtschaft Indiens.

Gewisse Faktoren müssen auch im bestduichdachten Plan dem Zufall überlassen werden, so z. B. das Wetter, das in diesen unterentwickelten und immer noch zur Hauptsache landwirtschaftlich orientierten Ländern von größter Bedeutung ist. Immerhin ist zu sagen, daß die "unterwegs" auftauchenden Überraschungen im Falle Indiens bedeutend zahlreicher waren als im Falle Chinas – was sich selbstverständlich damit erklären läßt, daß der Staat in China eine überragende, in der chinesischen Wirtschaft hingegen eine untergeordnete Rolle spielt. Diese unterschiedliche Rolle des Staates hat – nach Ansicht der amerikanischen Experten – auch zur Folge, daß statistische Daten über die Entwicklung in China sowohl leichter zu erhalten als auch zuverlässiger sind als die entsprechenden Zahlen für Indien.

China investiert mehr

Die beistehende Graphik gibt einen Überblick über die wirtschaftliche Entwicklung in den beiden Ländern 1950–1957. Die Kurven drücken konstante Preise aus (Basis 1952) und geben daher ein Bild der Entwicklung des Realeinkommens und der realen Investitionen. In den Jahren 1950 bis 1957 stieg das indische Realeinkommen um 28 v. H., was einer jährlichen Wachstumsrate von 3,5 v. H. entspricht. In der gleichen Periode stieg das chinesische Realeinkommen, d. h. also auch die reale Produktion an Gütern und Dienstleistungen, um 85 v. H., somit um nahezu das Dreifache der Zunahme des indischen Realeinkommens. Während der beiden Fünfjahrespläne (1951–1956 in Indien und 1952 bis 1957 in China) stieg das chinesische Sozialprodukt um 50 v. H., d. h. genau zweieinhalbmal so stark als das indische Sozialprodukt. Die Differenz zugunsten Chinas hat somit etwas abgenommen, ist aber immer noch groß. Ferner ist auch in Betracht zu ziehen, daß sich die Bevölkerung in China bedeutend rascher vermehrt als in Indien, so daß der Unterschied in der Wachstumsrate des Pro-Kopf-Sozialprodukts nicht so stark sein dürfte wie in den absoluten Zahlen.