Die Olympiade der Schachspieler an der Isar

-el, München

Im Kongreßsaal des Deutschen Museums stehen in diesen Tagen zur Abwechslung einmal Schachbretter. Über zweihundertfünfzig Meister des Schachspiels aus sechsunddreißig Ländern streiten auf den berühmten vierundsechzig Feldern um ihre Weltmeisterschaft im Mannschaftskampf. Offiziell nennt sich die Veranstaltung, deren Schirmherrschaft der bayerische Ministerpräsident übernommen hat, die 13. Schach-Olympiade.

Der moderne Sport, der einst in England im Kampf gegen die fortschreitende Industrialisierung als Abwehr gegen die geisttötende Handarbeit entstand, ist längst ins Profitum entartet. Seine Anhänger zerfallen in zwei Parteien: die – meist bezahlten – Ausübenden und die – stets bezahlenden – Zuschauer. Das Schachspiel hingegen, eines der jüngsten Kinder des Sports, hat gerade den umgekehrten Entwicklungsweg genommen. Berufsspieler kennt es kaum noch. Die Großmeister von heute legen Wert darauf, ihren Beruf sehr ernsthaft auszuüben, der sie für die schweren und kräfteverzehrenden Turnierkämpfe frisch und damit leistungsfähig erhält.

So sind es wirklich alles Amateure, die nun bis Ende Oktober an den Ufern der Isar um die höchste Trophäe kämpfen, die der internationale Schachsport zu vergeben hat: der deutsche Meister Dr. Paul Träger, der in Köln Sportredakteur ist und ein sehr guter dazu; der Münchener Gerichtsassessor Fide-Großmeister Wolf gang Unzicker, der an dem ersten deutschen Brett spielt und mit dem russischen Weltmeister Michail Botwinnik (einem Doktor der technischen Wissenschaften und vielbeschäftigten Elektroingenieur) seit dem Jahre 1954 noch ein Hühnchen zu rupfen hat; auch der Berliner Regierungsrat Dr. Heinz Lehmann und der kaufmännische Angestellte Gerhard Pfeiffer aus Hamburg, die zusammen mit dem Bamberger Verleger Lothar Schmidt und dem Berliner Studenten Klaus Darge das deutsche Team bilden. Der ausgekochte russische Schachspieler Wassili Smyslow, ein besonders gefürchteten Eröffnungstheoretiker, ist Baritonsänger, und unter den übrigen Teilnehmern des großen Turniers, findet man alle Berufe – Ärzte, Rechtsanwälte, Kaufleute, Tänzer, Künstler, Handwerker, Beamte.

Und alle Altersklassen sind vertreten. Selbst ein Schüler, der amerikanische Junioren-Weltmeister Lombardy, tritt in die Schranken. Nur schade, daß die Yankees ihren 15 Jahre alten Meister Robert Fisher, der sich gerade erst bei dem Interzonen-Turnier in Portoroz die Würde eines Großmeisters und die Anwartschaft auf das nächstjährige Kandidaten-Turnier erkämpft hat, nicht in ihre Mannschaft aufnehmen konnten. Dieser selbstbewußte, aber auch sehr bescheidene Zögling der Erasmus-Hall-School, der bei vielen Experten als der nächste Weltmeister gilt, erhielt von seinem College keinen Urlaub.

Aber Bobby ist durchaus noch nicht der jüngste gute Schachspieler der Welt. In Rußland, wo sich alljährlich weit über 300 000 Männer und Frauen an dem nationalen Wettbewerb beteiligen und wo Schach ein Unterrichtsfach an den Schulen ist, soll nach den Berichten der Sowjetspieler ein fünfjähriger Knabe aufgetaucht sein, der es erfolgreich mit jedem Schachspieler der zweiten Leistungklasse aufnehmen kann. Er heißt Ernest Kim. Wenn sein Gegner verliert, freut sich Klein-Ernest unbändig, wenn aber sein Partner besser ist als er, weint er herzzerbrechend. "Der zukünftige Großmeister liebt es nicht zu verlieren", war der Kommentar eines Rundfunkreporters.

In München allerdings wäre Kim aus Taschkent wohl nicht aus dem Weinen herausgekommen: Hier treffen wirklich nur die Allerbesten aus der ganzen Welt aufeinander.