Auf dem Parteitag der Labour Party wäre um ein Haar ein Antrag durchgegangen, den der robuste und selbstherrliche Gewerkschaftsführer Frank Cousins eingebracht hatte. Der Antrag, die berühmten Public Schools, die vielen Sozialisten ein Dorn im Auge sind, abzuschaffen. Nur der Geschicklichkeit Gaitskells gelang es, diesen Stoß aufzufangen.

Nach jedem Regimewechsel, an denen unser Kontinent wahrlich nicht arm ist, beginnt das neue System über die Ausbildung einer entsprechenden Elite nachzudenken. Da sind Kadettenanstalten, Ordensburgen, Kaderschulen errichtet worden. Sie alle hatten jeweils ein Ziel vor Augen: Die Elite einer ganz bestimmten Gruppe und ihr ganz spezielles Ethos herauszubilden. Da gab es denn das Ethos der Offiziere, des SS-Mannes, der marxistisch-leninistischen Avantgarde und anderer vergänglicher Ideologien.

Auf der englischen Insel ist das anders. Die großen alten Public Schools wie Winchester, Eton oder Harrow bestehen seit 400 Jahren und länger. Auf ihnen wird die Elite der Nation, also des ganzen Volkes, herangebildet. Sie liefern den Konservativen wie den Labour-Leuten die geistige und politische Führung. Gaitskell, Crossman, Kenneth Younger wurden in dem seit 1394 bestehenden Winchester College erzogen. Gerade in diesem Umstand, daß Konservative und Sozialisten den gleichen "Schul-Schlips" tragen und nicht die einen in einer Plutokraten-, die andern in einer Gewerkschaftsschule erzogen werden, liegt das Geheimnis der englischen Demokratie und der parlamentarischen Formen des Unterhauses. Wer wie wir Kontinentalen von einem Chaos ins andere fällt, kann nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen, daß dort, wo es noch Kontinuität gibt, diese mutwillig zerschlagen werden soll. Dff.