Von Edmund Wolf

Sind die Deutschen besser? Nein. Lauter? Sicherlich." So schrieb Philip Hope-Wallaca im "Manchester Guardian" nach der "Maria-Stuart"-Aufführung, mit der das einwöchige Gastspiel der Düsseldorfer im Sadler’s-Wells Theatre begann.

Hope-Wallace ist wegen seiner Deutschfreundlichkeit bekannt; vor allem spricht er selber sehr gut Deutsch, so daß seine Kritik nie den Eindruck des verstimmend Vorlauten erwecken kann, mit der ein anderer englischer Kritiker Lessings "Nathan" als unerträgliches Geschwätz ablehnte, wobei er selber zugab, daß er kein Wort von dem "Geschwätz" verstanden hatte und nicht einmal die Synopsis im Programmheft recht entwirren konnte.

"Nathan der Weise" fand übrigens auch Kenrieth Tynan, dieser junge kritische Ausbund und Tausendsassa, "unter den vielen Stücken über langverschollene Verwandtschaft im Mittelalter das langweiligste." Aber die Aufführung des "Nathan" wurde doch freundlicher aufgenommen als die Schillertragödie, und ich glaube: mit Recht. Ernst Deutsch wurde gepriesen, der Charme der einfachen Dekorationen gelobt, die Grazie und Feinheit der komödienhaften Inszenierung von Karl Heinz Stroux im allgemeinen bewundert. So schloß mit Aplomb eine Woche, die sich zunächst nicht verheißungsvoll angelassen hatte. "Michael Kramer" und "Nathan" wurden dem Ruhm des Düsseldorfer Schauspielhauses ganz gerecht. Um so mehr freilich mußte man sich fragen, warum die Schilleraufführung soviel weniger überzeugen konnte.

Dabei fehlte es gewiß nicht an Freundlichkeit beim Empfang. Der Zufall wollte es – das Vergleiche herausfordernde Zusammentreffen war nicht geplant –, daß ja gerade jetzt im berühmten "Old Vic"-Theater, zum ersten Male seit einem Jahrhundert etwa, Schillers "Maria Stuart" auf englisch gespielt wird, vom weißhaarig-eleganten Dichter Stephen Spender glücklich genug übersetzt und zusammengezogen, um auf ein englisches Publikum allabendlich tief zu wirken und sich geradezu zum Kassenschlager zu entwickeln.

Es lag also nahe, und es geschah, daß Mitglieder des "Old Vic"-Ensembles zum Flughafen hinausfuhren, um das deutsche Ensemble zu begrüßen, so daß zwei Schottenköniginnen und zwei Tudor-Königinnen einander freundlich die Hände drücken konnten. Selbstverständlich war auch die "Old Vic"-Besetzung bei der großen Party dabei, mit der Botschafter Hans von Herwarth ein in London sehr beliebter Herr, seine neudekorierte Botschaft nach der Premiere von "Maria Stuart" einweihte.

Über den Erfolg der Party waren sich alle einig. Die Stimmung war ausgezeichnet. Die meisten jedoch waren sich auch darüber einig, schlichte Angehörige des Publikums ebenso wie Kritiker, daß die Stimmung bei der vorangegangenen Aufführung weniger gut war. Es gab da sogar, was Theaterleute besonders wenig schätzen: einen "falschen Lacher". Das geschah gegen Ende des Stückes, als der Staatssekretär Davison festgenommen wurde; dieser riß dabei seinen Mund so überrascht und entsetzt auf, daß ein Publikum, welches bis dahin kaum in Bann geschlagen worden war, zu kichern begann.