Erzählung von Nino Erné

An diesem Abend sitzt der Schauspieler in seinem Zimmer und wartet. Eine kleine Lampe leuchtet gelb auf dem Tisch. Unter dem Feister lärmt eine späte Trambahn vorüber, und er hört, wie sie an der nächsten Straßenecke hält. Jetzt muß das Mädchen gleich hier sein. Zum ersten Mal. Und doch wird es für ihn sein, wie es so oft war. Er kennt sich allmählich genau, es ist eine grindliche Erfahrung von vielen Jahren. Eine Rolle die man wie im Schlaf spielt; man denkt oft an ganz andere Dinge, so vollkommen ist jede Bewegung einstudiert, oft gespielt, oft erprobt. Wieder, wie jetzt manchmal an derartigen Abenden, hält er sich einen unsichtbaren Spiegel vor, blickt hinein. Nichts. Die Strömung seiner Adern scheint eingefroren. Ein kleines schwarzes Tier hängt an einem langen Faden in der grauen Luft, still beobachtend. Was wird heute abend geschehen? Das Tier Es weiß Bescheid. Immer weiß es Bescheid.

Sie müßte schon hier sein. Er geht ein wenig umher, ordnet das Geschirr auf dem Tisch, bleibt vor dem Büchergestell stehen; noch immer sorglos, kreisen seine Gedanken leicht durch den Raum. Er ist von ruhiger, fast kühler Erwartung sanft angefüllt. Wieder fährt auf der Straße eine Bahn vorüber. Wieder vergehen mehrere Minuten. Und dann kommt plötzlich, wenn auch zaghaft, der Augenblick, an dem er zu zweifeln beginnt. Er blickt auf. Eine Spinne kriecht langsam an der Wand über dem Divan empor. Ein dunkler, kleiner Kopf in mitten von langen Fadenbeinen.

Wenn sie vielleicht nicht käme? Dann schreibt er einen vor Tagen begonnenen Brief zu Ende. Was macht es für einen Unterschied? Keinen. Aber ein paar Minuten will er noch warten.

Er möchte gern etwas essen, aber es sieht unhöflich aus, wenn sie kommt und er hat schon allein begonnen. Es verrät Gleichgültigkeit. Und ist es das denn nicht? Natürlich. Warum natürlich? Der ewige Sturm der Gefühle: eine abgestandene Komödie. Er hat längst die hundertste Vorstellung hinter sich. Warum erwartet er dann Besuch? Gewohnheit. Neugier. Immer noch Neugier? Vielleicht. Ein wenig.

Sie scheint doch nicht zu kommen. Also dann wird eben der Brief geschrieben. Wo ist...? So. Hier.

Plötzlich grinsen ihn alle Buchstaben, die kleinen Männchen, die da unter seiner Hand über das weiße Papier laufen, geboren aus dem Nichts, dem Unsichtbaren seiner Gedanken – plötzlich grinsen ihn alle Buchstaben schadenfroh an. Hehe, sagt es irgendwo hinter ihm.