Nach der Frankfurter "Rosemarie" lief nun in Hamburg (Passage-Theater) der Film "Das Mädchen aus Hamburg an. Der Luxus der Venus mot. fehlt, das Gewerbe ist geblieben. Der französische Regisseur Yves Allegret, von dem wir "die Hochmütigen" kennen, hat sich eigentlich ein schönes Thema ausgesucht: die Wiederbegegnung eines französischen Kriegsgefangenen, jetzt Seemannes, mit einem deutschen Mädchen, das ihm "damals" Zigaretten und ein Lächeln schenkte. Er hat das Mädchen nicht vergessen. Aber wie das im Leben so geht, die Wiederbegegnung wird eine Enttäuschung. Soweit hält sich der französische Regisseur an die Realität. Aber das genügt ihm nicht, er sucht wirksame Knalleffekte.

Pierre (Daniel Gelin), der ehemalige Kriegsgefangene, findet das Mädchen auf der Reeperbahn wieder. Der 1. Knall: ein Star im Schlammringkampf – Hildegard Knef. Ich weiß nicht, der wievielte Film vom Hamburger Hafen das ist; auch dieser ist erpicht darauf, zu zeigen, wie das Laster hier nistet. Im Morgengrauen wird am Ende Pierre, der Franzose, von einem geldgierigen Bundesrepublikaner erstochen, noch ehe er ihn überhaupt nach Geld fragt. Das Mädchen, das wegen eines aus dem Freihafen geschmuggelten Pelzes (übrigens: seit wann gibt es dort Bumslokale) Schwierigkeiten mit der Polizei erhält, wird von den rüden (Großaufnahme: zigarrenpaffenden) Polizeimännern, die sich in ihr Taxi drängen, in die Wohnung begleitet. Pierre, der Franzose, muß die Taxe bezahlen. Sitten der Volkserzieher sind das! Nachdem die Polizisten die Wohnung durchstöbert haben, verabschieden sie sich klassisch: "Nichts für ungut, Fräulein. Wir haben nur unsere Pflicht getan." Da haben wir ihn also: Boche in Deutschland. Nur die Taxichauffeure sind liebenswerte Menschen, freundlich, hilfsbereit.

Das Liebesidyll wird im heutigen Stil mit herber Verhaltenheit tief unterspielt. Es gewinnt durch die trockenen Berliner Töne des Mädchens aus Hamburg, die Hildegard Knef ihm gibt. Am Ende ist es auch tot, denn es nahm zuviel Schlaftabletten. Wenn das Ganze nicht so "verkinot" wäre, das heißt die Wirklichkeit nach Vorstellungen und Gesetzen des Films zurechtgebogen, könnte man sich an ein paar optische Schönheiten des französischen Kameramannes Thiard freuen.

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"Der Maulkorb". (In Hamburg, Ufa-Palast, und anderen Städten.) Der Regisseur Wolfgang Staudte hat den neuen Aufguß des Spoerlschen Spaßes hergestellt. Was lustig war, wird bissig, aber das Publikum nimmt die witzigen Spitzen gegen die Maulkorb-Tendenzen der Gegenwart (Lex Soraya ist hier als Lex Sophia wiederzuerkennen) und die bekannten Attacken gegen die wilhelminische Plüschzeit jubelnd auf. Dem Staatsanwalt, der die Freiheit (im Suff) verteidigt, indem er den der Presse zugedachten Maulkorb dem allergnädigsten Landesherrn umhängt, und der durch Haltung ersetzt, was ihm an Intelligenz fehlt, ist nach dem Berliner Ralph Arthur Roberts nun ironisch, malitiös und in bester Spiellaune, gescheit und streng gescheitelt O. E. Hasse.

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"Zeit zu leben und Zeit zu sterben" (in mehreren Städten). Remarques Roman vom Rückzug aus Rußland, Bombenkrieg, SD, Denunzianten, Evakuierung und untergetauchtem Juden, von dem Landser auf Urlaub und dem Mädchen, das ihn liebt, stimmt in dem farbigen Riesenpanorama des grellen amerikanischen Films (Regie von Douglas Sirk) noch weniger. Überzeugend: Liselotte Pulver.