Wenn hier die Neuauflage eines bereits im Jahre 1946 erschienenen Buches angezeigt wird, so deshalb, weil

Eugen Kogon: "Der SS-Staat"; Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt; 432 S., 9,80 DM

seine makabre Bedeutung behalten hat. Das Buch erlangte durch die Prozesse Sommer, Tilsiter Einsatzkommandos, durch die Flucht des SS-Arztes Dr.Eisele nach Ägypten und die vertrackt ominöse Rolle bundesdeutscher Behörden, durch das Arnsberger Urteil, die Affäre Dr. Oberhäuser und andere von neuem höchste Aktualität, zumal einige der in den Prozessen genannten Personen, zum Beispiel Sommer und Eisele, bereits in der ersten Auflage (und natürlich auch in der zweiten, dritten und vierten), des "SS-Staates" mit konkreten Anschuldigungen genannt wurden – ohne daß eine amtliche Stelle hiervon Kenntnis genommen hätte. Man fragt sich bedrückt: Was wird noch kommen? Wird die finstere Vergangenheit wie eine verschleppte Krankheit immer wieder auftauchen aus dem Morast dieser schrecklichen Zeit?

Der Inhalt des Buches, das den Nationalsozialismus in politischer, soziologischer, ideologischer Hinsicht untersucht und das Ziel, die Verwandlung des NS-Staates in einen SS-Staat, beschreibt, hat keine Veränderung erfahren, nur das Vorwort wurde überarbeitet, das besonders bemerkenswerte Nachwort neu geschrieben.

Nach neuerlicher Kenntnisnahme dieses fürchterlichen Dokuments bleibt nur, den Schluß zu ziehen: Noch sind Mörder unter uns! "Nichts kann uns frei machen als die Wahrheit", beschwört Kogon seine Leser. Frei machen bedeutet für Deutschland: sich wieder einen moralisch einwandfreien Standort im politischen Geschehen erwerben. Walter D. Schultz