Die Liste der Zweiradfirmen, die sich durch eine übereilte Umstellung ihrer Produktion auf Kleinwagen aus der Absatzkrise des Jahres 1955 zu retten versuchten und daran gescheitert sind, ist um einen neuen Namen bereichert worden. Allerdings scheint gerade der Fall der Maico-Werke GmbH, Pfäffingen – einer bislang renommierten und erfolgreichen Motorradfabrik, die im März d. J. ihre Zahlungen, einstellen mußte und nach vergeblichen Vergleichsversuchen unter dem Druck der Gläubiger in Konkurs ging – einen reichlich unrühmlichen Verlauf zu nehmen und symptomatisch für die Insolvenzen der letzten Zeit zu werden. Es häufen sich in erschreckendem Maße die Konkurse alter und angesehener Firmen, bei denen der Staatsanwalt bemüht werden muß.

Auch die Inhaber der Maico-Werke, die Brüder Otto und Wilhelm Maisch, deren Vater im Jahr 1926 die Firma als Fahrradfabrik gegründet hatte, wurden kürzlich unter dem Verdacht des Konkursverbrechens in Haft genommen. Außerdem hat der Konkursverwalter zur Verhinderung von „weiteren“ Vermögensverschiebungen einen Arrest erwirkt und die Vermögensanteile der Brüder Maisch an ihren beiden anderen Betrieben, der O. & W. Maisch oHG und der Maico-Fahrzeugfabrik GmbH, Herrenberg, pfänden lassen. Die oHG ist die Besitzerin der Produktionsanlagen der Maico-Werke Pfäffingen, die diese nur gepachtet hat. Das Herrenberger Werk warin der Zeit der Besatzung nach dem Krieg als Ausweichbetrieb außerhalb der französischen Zone gegründet worden.

Ursache des geschäftlichen Fiaskos des Pfäffinger Werkes ist nach den Angaben des Konkursverwalters die für eine Automobilproduktion viel zu geringe Kapitaldecke gewesen. Die Firma hatte bei Beginn ihrer Kleinwagenproduktion 1955 höchstens den zehnten Teil des zur Aufnahme einer derartigen Produktion als notwendig erachteten Kapitalstocks von etwa 5 bis 10 Mill. DM zur Verfügung. Eine Deckung des restlichen Kapitalbedarfs durch Kredite war nicht möglich, da hierfür selbst unter Einbeziehung der beiden anderen Werke die Sicherheiten nicht ausreichten. Außerdem scheint auch die Kalkulation zu optimistisch gewesen zu sein. Denn die Herstellungskosten je Fihrzeug waren stets höher als die Verkaufserlöse, so daß die echten Betriebsverluste immer größer wurden, je mehr Fahrzeuge hergestellt wurden.

So kam es, daß 1956 ein Verlust von 200 000 DM entstand, der sich 1957 auf über 2 Mill. DM erhöhte, obwohl der Umsatz im vergangenen Jahr nach Angaben der Gesellschaft um fast 37 v. H. auf rund 21 Mill. DM gestiegen war. Da die Gesellschaft im Frühjahr 1957 die Produktion von Fahrrädern und Mopeds „aus Rationalisierungsgründen“ aufgegeben hatte, entfiel die Umsatzzunahme fast gänzlich auf das Kleinwagengeschäft. Der Status zum 25. März 1958, der in der ersten Gläubigerversammlung vorgelegt wurde, stellte dann bei Gesamtverbindlichkeiten von über 10 Mill. DM eine Überschuldung von rund 3,5 Mill. DM fest. Bis Ende August wuchs der Gesantverlust weiter auf rund 8 Mill. DM, denen nur zum großen Teil dubiose Forderungen von 3 Mill. DM, geringwertige Anlagen von 0,10 und frei verfügbare Vorräte von 0,40 Mill. DM gegenüberstehen. So blieb dem Konkursverwalter zum Schluß seines Berichts keine andere Möglichkeit, ab den Gläubigern jede Hoffnung auf eine auch nur geringe Befriedigung ihrer Ansprüche zu nehmen und ihnen zu raten: „Schreiben Sie alles ab.“

Was nun diesen Fall besonders unerfreulich macht, ihn damit aus ähnlichen Insolvenzen heraushebt, und vor allem die Gläubiger empört hat, waren die unklare und in keiner Weise entgegenkommende Haltung der Brüder Maisch und in erster Linie gewisse Vermögenstransaktionen, die diese noch kurz vor der Zahlungseinstellung vornahmen. So übertrugen sie noch im Februar d. J. zwei Grundstücke im Einheitswert von Zusammen 62 000 DM auf ihre Ehefrauen; ferner wurden ebenfalls in dieser Zeit noch 500 000 DM von dem Pfäffinger Werk an die oHG als Pacht- und Mietleistung abgeführt; mangels Bargeld jedoch zum größten Teil in Form fertiger Wagen, die die oHG wiederum an das Herrenberger Werk weiterverkauft hat. Außerdem sollen, wie in der letzten Gläubigerversammlung Ende September zu hören war, mit Eigentumsvorbehalt belegte Vorräte nicht mehr aufzufinden sein.

Der Konkursverwalter geht in seinen Vorwürfen aber noch erheblich weiter. Er vertritt die Ansicht, daß die Firma Maico bereits Ende 1956 überschuldet gewesen sei und dies die Inhaber spätestens im Oktober 1957 hätten erkennen müssen. Ferner sei auch die Buchführung nicht in allen Teilen in Ordnung und höchst anfechtbar. Aus allem gewinne er danach den Eindruck, daß von einem gewissen Zeitpunkt an bewußt auf einen Konkurs hingearbeitet worden sei.

Der Rechtsvertreter der Brüder Maisch wies zwar diese Vorwürfe energisch zurück und suchte das Fiasko seiner Mandanten damit zu entschuldigen, daß diese höchstens in einem leichtfertigen Optimismus gehandelt und die Übersicht verloren hätten. Er konnte aber nicht den unguten Eindruck verwischen, der dem „Fall Maico“ von Anfang an anhaftete, daß es den Inhabern der Schuldnerfirma doch offenbar an der sauberen und korrekten Einstellung des „königlichen Kaufmanns“ mangelte. Da kaum zu erwarten ist, daß die nächste Gläubigerversammlung im Januar eine Korrektur dieser Ansicht bringen wird, bleibt diesem Konkurs der zweifelhafte Ruhm vorbehalten, zwar nicht zu den finanziell größten, aber doch zu den unerfreulichsten Insolvenzen der Nachkriegszeit zu gehören. C. D.