H. W., Flensburg

Richter, Staatsanwalt und Verteidiger haben ihre Akten zusammengepackt: Der Prozeß, in dem die 48 Jahre alte Oberstudienrätin Dr. Emmi Hannöver wegen übler Nachrede zu 500 Mark Geldstrafe verurteilt wurde, ist beendet. Die Fragen aber, die dieser ungewöhnliche Prozeß aufgeworfen hat, sind keineswegs beantwortet. Die eine Frage vor allem, wie sich das schleswig-holsteinische Kultusministerium das Verhältnis des Bürgers zur Allmacht des Staates vorstellt, und die andere, grundsätzlichere, was eigentlich Korruption ist.

Acht Jahre lang hatte die Flensburger Oberstudienrätin einen erbitterten Kampf gegen das Kultusministerium des Landes Schleswig-Holstein geführt – seit jenem Aprilabend des Jahres 1950, an dem ihr der Leiter der Abteilung Höhere Schulen im Kultusministerium, der Ministerialrat Möhlmann, mitteilte,sie sei zur Oberstudiendirektorin in Neumünster ausersehen. Der Kultusminister habe ihre Ernennungsurkunde bereits unterschrieben und auch dem Ministerpräsidenten habe sie schon zur Unterschrift vorgelegen. In der Lübecker Schule, an der sie damals wirkte, stellte Abteilungsleiter Möhlmann Frau Dr. Hannöver offiziell als neue Neumünsteraner Oberstudiendirektorin vor. Sie packte daraufhin ihre Koffer, bereitete ihre Übersiedlung nach Neumünster vor und wartete darauf, daß sie in ihr neues Amt eingeführt würde.

Zwei Tage vor der beabsichtigten Einführung wurde die Bestallung jedoch rückgängig gemacht, und nach einer Woche wurde Frau Dr. Hannöver nach Flensburg versetzt. Warum, das ist heute noch nicht klar.

Einmal waren in dem Schreibtisch ihres "ministeriellen Freundes Möhlmann" (so drückte sich der Flensburger Gerichtsvorsitzende aus) Privatbriefe aus ihrer Feder an Möhlmann und außerdem Akten gefunden worden, die es dem damaligen Kultusminister Siegel ratsam erscheinen ließen, die Berufung rückgängig zu machen. Zum anderen hatten Vertreter der Evangelischen Kirche beim Kultusminister gegen die Berufung Frau Dr. Hannövers, die katholisch ist, protestiert. Schließlich war auch noch der Amtschef im Kultusministerium, Wormitt, bei der Bestallung übergangen worden: Man hatte ihm die Akte überhaupt nicht vorgelegt...

Der intelligenten, streitbaren und selbstbewußten Oberstudienrätin mag mancher Fehler anhaften, nur der eine nicht: Mangel an Mut. Furchtlos nahm sie den Kampf gegen ein ganzes Ministerium auf, den Kampf um die Anerkennung ihrer Ernennung. Acht Jahre lang bombardierte sie das Kultusministerium des Landes, das Innenministerium, das Landesverwaltungsgericht in Schleswig, das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg, das Justizministerium mit immer neuen Eingaben, Beschwerden, Forderungen.

Den leitenden Beamten des Kultusministeriums warf sie Korruption vor. Akten, die sie betrafen, waren verschwunden, klagte sie (die Klage war berechtigt). Sie sei in eine Rechtsstellung gedrängt worden, die ihr nicht zukomme... Überdies habe das Kultusministerium eine Fülle falscher Verfügungen gegen sie erlassen. Den Vorwurf der Rechtsbeugung, den sie gegen einen Landesverwaltungsgerichtsdirektor in Schleswig erhoben hatte, nahm sie in der Hauptverhandlung vor der I. Großen Strafkammer des Landgerichts Flensburg mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück.