Eine Zeit-Frage wird angeschnitten

Zweierlei gibt Veranlassung, vom Studium des Deutschen an deutschen Universitäten zu reden: In der ZEIT begann vor zwei Wochen eine Kontroverse, die ausgelöst wurde durch einen Brief des siebzigjährigen Theaterkritikers und Literarhistorikers Professor Dr. Albert Malte Wagner (London) und die hoffentlich noch nicht so bald beendet ist. In Hamburg tagten in der vergangenen Woche die deutschen Germanisten.

Beide Anlässe warfen Fragen auf, die nicht kurz beantwortet werden können und nicht ohne gründliche Vorbereitung – Fragen wie: Was ist und welchem Zwecke dient das Studium der Germanistik heute in Deutschland? Wer sind die Lehrer? Auf welches Recht, auf welche Verdienste, auf welche Qualifikationen gründet sich der Anspruch, Deutsch zu lehren und deutsche Literatur zu beurteilen? Wie verhält sich da der "Literaturwissenschaftler" zum literarischen Rezensenten?

Es ist an der Zeit, daß solche Fragen gestellt und – nach Möglichkeit – beantwortet werden. Denn es besteht doch wohl kein Grund dafür, eine Institution unseres öffentlichen Lebens wie die Universitäten (und dort eben zum Beispiel die Germanistischen Seminare) als innerhalb einer Tabu-Zone liegend zu betrachten, vor der ein berechtigtes Informationsbedürfnis haltzumachen hätte.

Wir werden dabei behutsamer vorzugehen haben als ein, vielleicht persönlich verbitterter, Mann wie der Schreiber des ersten Briefes an DIE ZEIT zu diesem Thema, Professor Wagner. Wir werden andererseits nicht verheimlichen dürfen, daß Malte Wagners recht massive und zum Teil weit über das Ziel hinausschießende Vorwürfe nun freilich auch nicht völlig aus der Luft gegriffen sind.

Es werden Fragen zu stellen sein, die sich einmal intensiver mit der sogenannten "Berliner Schule" der deutschen Germanistik und vor allem ihren Epigonen befassen. Es wäre in Ruhe und ohne alle Ressentiments nachzuprüfen, was die Germanistik zwischen 1933 und 1945 (sich?) geleistet hat. Es wird untersucht werden müssen, mit welchem Recht (zum Beispiel) der Göttinger Germanist, Professor Dr. Wolf gang Kayser, die literarische Kritik der Zeitungs-Rezensenten gering schätzt und welchen Beitrag demgegenüber die akademische Germanistik geleistet hat, wo es galt, neueste deutsche Literatur zu würdigen (es geht dabei – nach dem Hamburger Referat des Kölner Germanisten, Professor Dr. Emrich – um Autoren wie Kafka, Broch, Musil).

Professor Kaysers Hamburger Diskussionsbeitrag liegt leider nicht gedruckt vor. Haben wir ihn richtig verstanden, so bedauert er es, daß die ordentliche deutsche Lehrstuhl-Germanistik in den Literaturteilen der Zeitungen nicht, sonderlich stark vertreten ist. Wir teilen sein Bedauern.