Zwischen Armee und Siedler wurde ein Keil getrieben

Von Joseph Kraft

Für viele war das Ergebnis des französischen Referendums in Algier (96,5 Prozent Ja-Stimmen) ein Rätsel, das auch dann nicht viel plausibler wird, wenn man die Stimmenthaltungen (25 Prozent) als Nein-Stimmen wertet. Es ist eben ein fragwürdiges Beginnen, eine Wahl abzuhalten in einem Lande, das sich im Bürgerkrieg befindet. Im Grunde beweist eine solche Wahl gar nichts. Höchstens dies, daßdie mohammedanische Bevölkerung zur Zeit vor den 500 000 französischen Soldaten mehr Angst hat als vor den 30 000 der FLN. Die angesehene unabhängige Sonntagszeitung "The Observer" schrieb dazu: "Es ist unmöglich, irgendwelche Schüsse über den Willen des algerischen Volkes aus dieser Abstimmung zu ziehen, die, obgleich technisch frei, tatsächlich ebenso sorgfältig gesteuert war wie irgendein Plebizit in Nazi-Deutschland oder Sowjet-Rußland." Wenn aber auch das Wahlresultat wenig besagen mag, so zeigt der folgende Artikel doch, daß sich neue Ansätze zu bieten scheinen.

Algier, im Oktober

Als General de Gaulle in der vergangenen Woche Algerien nach einem eintägigen Besuch wieder verließ, war es ein anderes Algerien als bei seiner Ankunft. Zum erstenmal seit zwei Jahren stellen sich die Probleme dieses Lances in einem neuen Licht dar.

Vor der jüngsten Algerienreise des Generals waren die in den örtlichen Wohlfahrtsausschüssen .organisierten französischen Siedler noch ganz obenauf. Schließlich konnten sie ja den Ruhm für sich buchen, die Revolution vom 13. Mai ins Werk gesetzt und de Gaulle in den Sattel gehoben zu haben.

Außerdem standen wohl die meisten der politisch aktiven Aimee-Offiziere ganz auf der Seite der Siedler. Die überwältigende Zah. der Ja-Stimmen bei dem Verfassungsplebiszit von 28. September legten diese denn auch ohne Zögern als ein Votum für die Integration Algeriens aus. Daß de Gaulle selber sich zu diesem Ziel bekennen würde, konnten sie kaum erhoffen. Es genügte ihnen vollauf, daß er in seiner erhabenen Undurchschaubarkeit verharrte. Hätten sie ihre Macht nach der Abstimnung erst einmal befestigt, so dachten sie sich, könne ihnen wohl nicht mehr viel passieren.