"Na, mal sehen"

Daran, daß de Gaulle sein Versprechen ehrlich meint, gibt es wohl kaum einen Zweifel. Doch haben die Moslems von Frankreich schon So viele Zusagen gehört, auf deren Einlösung sie noch heute warten, daß sie auch dem neuen Plan im allgemeinen nur mit einem wohlwollenden "Na, wir wollen sehen" begegnen.

Was nun den erklärten Gegner der Franzosen angeht, die Algerische Befreiungsfront (FLN), so gibt diese den Kampf offenbar noch lange nicht auf. Gewiß, ihre militärische Schlagkraft hat während der letzten sechs Monate merklich nachgelassen. Augenscheinlich hat die Errichtung eines elektrisch geladenen Drahtverhaus entlang der tunesischen Grenze tatsächlich bewirkt, daß nur noch ganz wenige Verstärkungseinheiten und Nachschubtransporte die FLN-Verbände im Innern Algeriens erreichen. Manche Anzeichen deuten auch darauf hin, daß im Lager der Aufständischen nicht alles eitel Eintracht ist. Dennoch binden die FLN-Truppen noch immer eine zehnfach stärkere moderne Armee.

Im übrigen brachte das Ergebnis der Volksabstimmung der FLN keineswegs eine eindeutige Niederlage – zum mindesten nicht im Departement Setif wo sich Nein-Stimmen einschließlich Wahlenthaltungen und Ja-Stimmen genau die Waage hielten.

Zum Teil erklärt sich das ohne Frage aus der Tatsache, daß Setif die Heimat des algerischen Exil-Premiers Ferhat Abbas ist. Was den Fall indessen interessant macht, ist der Umstand, daß Setif eine völlig "befriedete" Region ist, in der es kaum Rebellen und auch nur sehr wenig französische Truppen gibt.

Manche Beobachter in Algerien vertreten die Auffassung, solange der Krieg andauere, suche die Moslembevölkerung eben immer bei dem jeweils Stärkeren Schutz. Dieser Stärkere ist gegenwärtig die französische Armee. Sobald sich jedoch einmal – und sei es auch nur vorübergehend – das Schlachtenglück wendet, erheben die Moslems sehr schnell wieder ihre Forderung nach Unabhängigkeit. Mag also die französische Armee auch hier oder dort Ruhe und Ordnung herstellen – ihre Befriedungsaktion bereiten letzten Endes doch immer nur den Boden für die Aufständischen, denen so jede Niederlage auf weite Sicht zum Siege ausschlägt.

Zieht man all dies in Betracht und bedenkt man ferner die Möglichkeit dauernder Unterstützung für die FLN aus Kairo (und womöglich auch noch aus Moskau), so drängt sich der Schluß auf, daß die Aufständischen wohl auf ihrer Forderung nach direkten Verhandlungen mit Frankreich beharren werden. Der Krieg in Algerien wird weitergehen, es sei denn, General de Gaulle wäre bereit, sich auf diese Forderung einzulassen. Dafür gibt es aber zur Stunde nicht das geringste Anzeichen.