Herbstliche Badekur bei Zeitkrankheiten

Training soll nicht nur im Bereich des Spottes gut sein. Gefäßtraining, Kreislauftraining, Herztraining und Muskeltraining wird von vielen Ärzten empfohlen. Es soll gegen Managerkrankheit und Kreislaufstörungen, gegen Durchblutungsnot und Hochdruckkrankheit gut sein. So sieht man immer häufiger würdige Damen und wohlbeleibte Herren auf verschwiegenen Waldwiesen Federball spielen oder mit ihren Kindern um die Wette laufen. Man will die automüden Extremitäten und die büroverschlafenen Organe "trainieren".

Körperliche Tätigkeit fordert vom Organismus die Anpassung. Das Herz kräftigt sich, wenn ihm Leistung abverlangt wird. Die Blutgefäße sorgen für eine regelrechte Blutzufuhr und einen Blutabtransport ohne Stockungen. Die Muskeln werden kräftiger und elastischer. Stoffwechselschlacken werden schneller ausgeschieden. Im Blut selbst kreisen mehr Stoffe, die Thrombosen und Verkalkungen verhindern. Die inneren Organe arbeiten mit einer maximalen Ökonomie. Der Körper hat gegenüber körperlichen Belastungen ein ganzes Register von Regulationsmöglichkeiten, die zu einer aktiven Anpassung an Mehranforderungen führen.

Training heißt aber nicht: körperliche Spitzenbelastung am Wochenende. Training muß – wenn es sich günstig auf den Gesundheitszustand auswirken und überhaupt einen Sinn haben soll – kontinuierliche Übung sein. Training muß auch im Alltag stattfinden.

Gäbe es den "Idealfaulen", den Menschen also, der sich nicht bewegt, der nichts tut als essen und schlafen, so würde er trotz äußerster Schonung seines Körpers nicht alt werden können, weil die von jedem Funktionsreiz verschonten Organe in schätzungsweise drei Jahren spätestens versagen müssen. Unser Idealfauler würde aber schon früher sterben, denn die kleinste seelische Aufregung würde ihn buchstäblich umbringen. Die seelische Belastung der Aufregung wirkt auch körperlich. Sein völlig ungeübter Körper würde dem Ärger nicht gewachsen sein.

Schreck, Prüfungsangst, Ärger, Enttäuschungen und psychische Spannungen erfordern also nicht nur "Nerven wie Stahlseile", sondern ein gutes Funktionieren aller körperlichen Lebensvorgänge. Treffen psychische Alterationen auf einen Organismus, dessen Regulationen durch körperliche Belastungen nicht geübt sind, so muß es zu Krankheiten kommen, die zuerst rein nervös sind, später aber durchaus organisch fixiert werden.

Gegen alle im geistig-seelischen Bereich liegenden Beanspruchungen des Menschen gibt es keine Anpassungen und keine Regulationen des Körpers. Es gibt kein Gewöhnen an sie! Jeder Ärger, jeder Mißerfolg, jede Hetze, jeder Tag forcierten Lebenskampfes stellt immer wieder neue, außerordentliche Anforderungen an die Organe und die Organtätigkeit. Wehe dem, der seinen Körper vernachlässigt hat! Es bestehen wenig Chancen, daß er die statistisch ermittelte Lebenserwartung des Bundesbürgers von 68,5 Jahren erreicht. Treffen aber psychische Belastungen auf einen körperlich Trainierten, so wird der Organismus die dadurch entstehende Organbeanspruchung ohne Schaden kompensieren können.