Jaspers: Kritik der Psychoanalyse – Warburg: Krebszellen als Atavismus – Kuhn: Resistenz heißt überleben Fünf Nobelpreisträger auf einer Tagung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte

Von Heinrich David

Überall steht das Zeitalter vor der Fragt nachder Umkehr; niemand weiß, wo die Erneuerung zuerst aufflammen wird. Vielleicht sind Ärzte berufen, das Zeichen zu geben." Mit dieser Hoffnung endete die Rede von Karl Jaspers (Basel) auf der hundertsten Versammlung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte in Wiesbaden.

Die Tagung war nicht nur eine Parade berühmter Namen, angeführt von fünf Nobelpreisträgern: Hahn, Heisenberg, Butenandt, Kühr, und Warburg. In den dreißig Vorträgen mit anschließender Aussprache wurde vielmehr der Versuch unternommen, von den virtuosen Spitzenleistungen Abstand zu gewinnen und immer wieder Verbindungen zwischen den einzelnen Disziplinen zu suchen. Eine einheitliche Naturwissenschaft sollte, nach Jaspers, von Philosophie überwölbt sein; Kuhns mit großem Beifall aufgenommenes Bekenntnis zu Darwin erfüllte diesen Anspruch, und Warburgs – fast möchte man sagen: verblüffend einfache – Behandlung des Krebsproblems erinnerte an die Thesen des letzten großen Nicht-Spezialisten, Virchow.

Man hört, so sagte Jaspers, heute wohl das Wort: je größer das wissenschaftliche Erkennen und Können... desto schwerer sei es, einen guten Arzt, ja, überhaupt einen Arzt zu finden. Ein Arzt soll doch den einzelnen Kranken behandeln ... Diesen persönlichen Anspruch aber gerade zu überwinden, scheint anderen ... der rechte Fortschritt zu sein... Der moderne Kranke, sagen sie, wolle gar nicht persönlich behandelt werden, er gehe zur Klinik wie in ein Geschäft.

Durch die Loslösung der ärztlichen Mittel aus dem Eigentum und der freien Verfügung des einzelnen wird das ärztliche Handeln als Betrieb notwendig organisiert... Ärzte werden zu Funktionen: als allgemeiner praktischer Arzt, als Facharzt, als Krankenhausarzt, als spezialisierter Techniker, als Laborarzt, als Röntgenarzt... Das Vertrauen von Mensch zu Mensch geht verloren oder wird wenigstens geringer.

Weil auf Grund der Versicherung die Behandlung nichts oder wenig kostet, drängen immer mehr Menschen zum Arzt... Die Humanität im Gedanken an die allgemeine ärztliche Versorgung der gesamten Bevölkerung wird zur Inhumanität durch die Art und Weise der Versorgung. Weil überall die Zahl maßgebend ist, kommt die Minderheit der vernünftigen Kranken und Ärzte nicht zu ihrem vollen Recht.