Hinter dem Rassenkonflikt von Little Rock steht ein Verfassungskonflikt

Von Felix Morley

Washington, Mitte Oktober

Fünf Wochen nach dem Beginn des Schuljahres stehen vier Oberschulen im amerikanischen Bundesstaat Arkansas und neun Oberschulen in Virginia noch immer leer. Die 16 000 Jungen und Mädchen, die dort normalerweise zur Schule gehen, warten bisher vergebens auf die Wiederaufnahme des Unterrichts.

Nun sind die 13 Schulen keineswegs deswegen geschlossen worden, weil sie etwa den an sie gestellten Anforderungen nicht gerecht geworden wären. Sie wurden – nach eben in Kraft getretenen bundesstaatlichen Gesetzen – zugesperrt, weil die örtlichen Behörden lieber die Tore ihrer Schulen verriegeln, als sie für weite und schwarze Schüler öffnen, wie es die Bundesrichter auf Grund des Integrationsbeschlusses des Obersten Gerichtshofes angeordnet haben. "Ich werde die öffentlichen Schulen nie als integrierte Bildungsanstalten öffnen", ist der trotzige Standpunkt des Arkansas-Gouverneurs, Orvil Faubus.

lieber keine Schulen

Die Situation hat sich weiter zugespitzt, seit der Oberste Gerichtshof alle Bestrebungen für verfassungswidrig erklärt hat, die öffentlichen Schulen an private Bürgerorganisationen zu vermieten und sie dann auf der Grundlage der Rassentrennung wiederzueröffnen. Gewiß kam niemand dem Gericht das Recht zu der Feststellung abstreiten, daß Schulen, die aus öffentlichen Steuermitteln unterstützt werden, weite und schwarze Schüler ohne Ansehen der Hautfarbe aufnehmen müssen. Der Gerichtshof kam indes nicht verfügen, daß die einzelnen Bundesstaaten ihre Schulen, aus öffentlichen Geldern erhalten müssen. Das zu entscheiden, bleibt nach der US-Verfassung eindeutig den Bundesstaaten selbst überlassen. Und schon jetzt ist zu erkennen, daß mindestens acht Südstaaten eher von dem ganzen System der öffentlichen Bildungsanstalten abrücken werden (die sie vor dem Bürgerkrieg nie besaßen und die ohnehin in schlechtem Geruch stehen), als daß sie die gemeinsame Erziehung von weißen und farbigen Kindern gestatten.