Von Gerd Ruge

Die Mitglieder der Königlichen Akademie in Stockholm stehen vor einer schweren Entscheidung. Sollen sie es wagen, den Nobelpreis für Literatur einem Manne zu verleihen, von dem sie nicht einmal wissen, ob er ihn annehmen wird – einem Manne, der vielleicht selbst nicht weiß, ob er den Preis annehmen darf? Der Nobelpreis-Kandidat lebt 40 Kilometer von Moskau in einem hölzernen Sommerhaus. Das Buch, das er schrieb, hat in seinem eigenen Lande nicht erscheinen dürfen, und sowjetische Literatur-Funktionäre haben sogar zu verhindern versucht, daß Übersetzungen im Ausland veröffentlicht werden. Das ist ihnen mißglückt, aber in der Sowjetunion darf noch immer nicht von der Existenz solcher Übersetzungen gesprochen werden.

Der Mann, der in den letzten Wochen als der aussichtsreichste Kandidat für den Literaturpreis genannt wurde, ist Boris Pasternak. Das Buch, um das es geht, ist sein Roman Dr. Schiwago, der in diesen Tagen auch in deutscher Sprache erscheint. Seitdem die erste, die italienische Ausgabe dieses Buches herausgekommen ist, haben viele bewundernde und ermutigende Briefe den alten Mann am Rande von Moskau erreicht. Ihre Zahl ist stetig gewachsen, seit der Roman auch in französisch und englisch vorliegt. Einer dieser Briefe trägt die Unterschrift jenes Schriftstellers, der voriges Jahr in Stockholm den Literaturpreis erhielt: die Unterschrift des Franzosen Albert Camus.

In seinem großen Roman hat Boris Pasternak die Jahre geschildert, in denen das Zarenreich zerbrach und die Sowjetunion entstand. Er tat das ohne Haß, mit Trauer wohl, aber frei von Bitterkeit. Aus dem Abstand großer geistiger Freiheit blickt er auf die weltbewegenden Ereignisse zurück. Schon das gab den Sowjetmachthabern freilich genügend Grund, das Buch zu unterdrücken. Doch auch den Dichter selbst totzuschweigen, das gelang ihnen nicht. Noch heute, da seit vielen Jahren kein größerer Gedichtband Pasternaks erschienen ist, läßt sich in Moskau kein literarisches Gespräch führen, ohne daß sein Name fällt. Menschen, die in den dreißiger Jahren in Moskau studiert haben, sprechen noch immer mit glühender Verehrung von seinen Vorlesungen über Dichtung. Pasternak, der nicht nur ein gut aussehender, sondern auch ein faszinierender Mann ist, hat damals eine ganze Studentengeneration gefesselt. Als er 1946 bei einer literarischen Veranstaltung wieder einmal öffentlich auftreten durfte, forderten die Zuhörer stürmisch, er möge einige seiner Gedichte vortragen. Und an Stellen, wo er selbst den Text nicht mehr genau im Kopf hatte, fielen die Zuhörer im Chor ein. Noch immer gilt Pasternak als der große, alte Mann der sowjetischen Dichtung.

Zwar hat Alexej Surkow, der erste Sekretär des sowjetischen Schriftstellerverbandes, versucht, den Roman "Dr. Schiwago" abzuwerten, wenn er schon die Person. seines Verfassers nicht herabsetzen konnte oder mochte. In einem Gespräch sagte er mir: "Ich habe das Manuskript des ‚Dr. Schiwago‘ gelesen. Es ist das schwächste Werk dieses begabten Dichters. Pasternak schreibt hier über seine politischen Sympathien, nicht über die Probleme seiner Kunst." Das allerdings ist ein seltsames Argument aus dem Munde eines jener Kulturfunktionäre, die Pasternak jahrelang vorgeworfen haben, er entziehe sich seiner politischen Aufgabe. Aber Surkows Einstellung erklärt sich wohl aus der Sorge, Pasternak könne für seinen Roman den Nobelpreis bekommen.

Ilja Ehrenburg – zu wesensverschieden von Pasternak, als daß zwischen beiden eine engere Verbindung hätte Bestand haben können – urteilt anders als Surkow. Als ich ihn fragte, sagte er: "Boris Pasternak ist einer der größten lebenden Dichter der Welt. Nicht nur seine Lyrik, sondern auch seine Prosa ist immer dichterisch. Immer ein paar Handbreit über der Erde, aber stets große Prosa, voll von dichterischen Bildern."

Auch Ehrenburg hat das Manuskript des "Dr. Schiwago" gelesen. Später, nachdem er im Gespräch mit mir seiner kaum eingeschränkten Bewunderung Ausdruck gegeben hatte, korrigierte er sein Urteil ein wenig. Es sei eine der Schwächen des Romans, daß alle männlichen Haupt- und Nebenfiguren Züge von Pasternak selbst trügen, meinte er.