Die CDU im Lande Hessen hat es an politischem Schwung immer ein wenig fehlen lassen. Und wer da in Frankfurt oder in Wiesbaden gefragt würde, welches in der Christlich-Demokratischen Partei Hessens die Köpfe sind, die das politische Profil des Landes oder gar des Bundes prägen halfen – der müßte, wäre er auch ein guter CDU-Mann, verlegen schweigen.

Nun verhält es sich leider so, daß jene, denen man häufig sagt, sie seien schwach, zuw.eilen urplötzlich zu kecken Kraftproben ansetzen. So auch der Landesvorstand der hessischen CDU. Dieser Tage suchte er seine Kraft und Entschlossenheit mit einer Entscheidung zu beweisen, die so töricht wie beklagenswert ist. Er hat drei Mitbegründer des Wiesbadener CDU-Kreisverbandes aus der Partei ausgeschlossen, weil sie im April einen Aufruf des Komitees „Kampf dem Atomtod“ unterzeichnet haben.

Erich Zimmermann ehemaliger Vorsitzender der CDU-Stadtverordnetenfraktion, Heinrich Roos, einstiger Stadtkämmerer, und Ferdinand Grün, pensionierter Direktor des Wiesbadener Arbeitsamtes, diese drei, jetzt schimpflich kassiert, waren in den Jahren nach dem Kriege die lebendigsten CDU-Politiker der Stadt Wiesbaden. In letzter Zeit freilich sind sie mehr in den Hintergrund getreten, zumal seit jenen Tagen, da sie kein Hehl daraus machten, daß sie sich lieber mit der SPD auf einen gemeinsamen Bürgermeisterkandidaten einigen würden, als Dr. Erich Mix von der FDP, der schon im Dritten Reich Bürgermeister in Wiesbaden war, ihre Stimme zu geben.

Nun also hat der CDU-Landesvorstand in Frankfurt die drei Politiker, die damals den Aufruf unterschrieben haben, nicht aber dem Komitee „Kampf dem Atomtod“ beigetreten sind, in die hessische Wüste geschickt. Die Betroffenen selber erfuhren übrigens ihren Ausschluß erst aus der Zeitung.

In Hessen stehen die Wahlen vor der Tür. Es mag manchen Wähler geben, der es zwar unter Umständen für richtig hält, einen angriffslustigen Gegner durch Atombomben abzuschrecken, der aber zugleich glaubt, daß ein Wort der Warnung vor den Atomgefahren nicht fehl am Platze ist. Und gewiß gibt es viele, die der Überzeugung sind, daß in unserem Teil der Welt die Freiheit der Meinungsäußerung nicht durch Fraktionszwang, Parteidisziplin oder sonstwas geknebelt werden darf.

H. G.