Von Herbert Müller

Der Generalissimus Tschiang Kai-schek ist nicht der erste, der auf der Insel Taiwan sitzt und den Anspruch erhebt, für und in ganz China gehört zu werden. Vor rund dreihundert Jahren gab es eine Situation von geradezu lächerlicher Ähnlichkeit. Am 24. April 1644 hatte sich der letzte Kaiser der chinesischen Ming-Dynastie auf dem Kohlenhügel hinter seinem Pekinger Palast erhängt, während die Truppen eines chinesischen Gegenkaisers gegen die Mauern der Stadt brandeten. Am nächsten Tage besetzten die Rebellen die kaiserliche Residenz, verloren sie aber schon sechs Wochen später wieder an die zu Hilfe gerufenen Truppen der Tsing-Dynastie. Es folgten Jahrzehnte schwerer Kämpfe, bis diese Tsing-Dynastie ihren Anspruch durchsetzen konnte, Erbnichfolger der Ming-Dynastie in China zu sein. Prinzen und Generäle der Ming leisteten erbitterten Widerstand, zuletzt in der südchinesischen Küstenprovinz Fukien, bis der Rest des besiegten Heeres, 25 000 Mann stark, sich im März 1661 vom Festlande absetzte, zunächst auf die Pescadoren, im nächsten Jahr auf Formosa.

Als die Reste der Regierung Tschiang Kai-scheks im Dezember 1949 mit den Trümmern ihrer Streitmacht sich nach Formosa zurückzogen, hatte dieser Teil Chinas erst vor wenigen Jahren das Ende einer fünfzigjährigen Fremdherrschaft der Japaner erlebt. Als 1662 die Reste der Ming-Heere nach Formosa kamen, stand die Insel seit vierzig Jahren unter der Fremdherrschaft der Holländer, die sich im Wettstreit mit Spaniern und Japanern 1622/23 ihrer bemächtigt hatten und die erst noch vertrieben werden mußten.

Der Mann, dem das überraschend schnell gelang, ist dem Westen unter dem Namen Koxinga bekannt. Sein eigentlicher Name war Dschong Tschong-gung. Gleich Tschiang Kai-schek war er Christ. Sein Vater war in Maco katholisch getauft worden, seine Mutter war Japanerin. Er selbst heiratete auf Formosa die Tochter eines evangelischen holländischen Missionars. Dieser Mann hat nun, genau wie heute Tschiang Kai-schek, beansprucht, Repräsentant eines gar nicht mehr existierenden China zu sein.

Koxinga wollte bis zu seinem Tode als Statthalter der Ming-Dynastie gelten, die den Thron doch schon 1644 verloren hatte und deren letzter überlebender Prinz sich 1660 auf birmanischen Boden geflüchtet hatte. Erst einer der Nachkommen Koxingas hat sich der Macht der Tatsachen gebeugt und 1684 den geographisch, historisch und wirtschaftlich bedingten Wiederanschluß der Insel an Festlandchina vollzogen. Sie wurde verwaltungsmäßig der Provinz Fukien zugeteilt, zu der sie seit dem 12. Jahrhundert gehört hatte.